zu viel Selektion

Österreichs selektives Schulsystem

 

Das weltweit früheste Selektionssystem

 

Österreich hat den zweifelhaften Ruhm, weltweit das früheste Selektionssystem zwischen akademischen und praktischen Berufslaufbahnen zu betreiben: Mit durchschnittlich neuneinhalb Jahren - zum Termin der Schuleinschreibungsfrist im Februar - muss sich ein Kind einer Entscheidung unterwerfen, die seinen Bildungsweg unausweichlich beeinflusst und die Chance für seinen weiteren Lebensweg minimiert oder ausweitet.

Eine Untersuchung der OECD und eine Studie der EU-Kommission bestätigen, dass Österreich mit der strikten Trennung zwischen Volksschule einerseits und NMS/HS andererseits ein massives Problem hat. Die Selektion der SchülerInnen mit zehn Jahren erfolgt zu früh, deshalb ist das Leistungsniveau der 10 - 14-Jährigen bei uns niedriger als in Ländern mit einem Gesamtschulsystem. In der EU-Studie wurde herausgearbeitet, dass auch Deutschland genau das gleiche Problem hat.

Deutschland und Österreich sind die einzigen EU-Staaten, in welchen die Trennung zwischen HS/NMS und Gymnasium schon mit zehn Jahren stattfindet. Praktisch alle anderen Länder haben bis zum Ende der Schulpflicht eine Gesamtschule.

 

Es beginnt mit dem Kindergartenbesuch

 

Der gesamte Bildungsweg eines Kindes wird zentral davon bestimmt, welches Bildungsniveau seine Eltern haben, denn für die Kompensation von Defiziten ist ja gerade dreieinhalb Jahre Zeit - von der ersten Klasse bis zum Ende des ersten Semesters der vierten Klasse Volksschule. Die ungleich verteilten Bildungschancen werden aber schon im Vorschulsektor manifest.

 

AHS oder NMS

In Regionen, wo es die Wahlmöglichkeit zwischen NMS und AHS-Unterstufe gibt, entscheidet die Bildungs-Herkunft der Eltern welche Schule ihre Kinder besuchen. 59 % der Kinder von Eltern mit Uni-Abschluss besuchen eine AHS, 41 % eine NMS, bei Kindern von Eltern ohne Schulabschluss liegt das Verhältnis bei 8 % zu 92 %. Das Argument der Durchlässigkeit der ehemaligen Hauptschule zumindest in Richtung Oberstufenrealgymnasien zieht nicht, betont der frühere Leiter der PISA-Studie für Österreich, DDR. Günter Haider: Haben die Eltern nur einen Pflichtschulabschluss und besucht ihr Kind die HS/NMS, so hat es eine Chance von ca. 7 %, die Matura zu absolvieren. Bei Kindern von Eltern mit Uni-Abschluss, die eine AHS besuchen, liegt die Chance eines Maturaabschlusses hingegen bei 93 %.

Rückblickend kann festgestellt werden, dass das Ergebnis dieser Selektion mit den Leistungen der SchülerInnen wenig zu tun hat. Dies lässt sich mit der PISA-Studie belegen: Die besten 20 % der dritten Leistungsgruppe der Hauptschule bringen die gleichen Leistungen wie die schlechtesten 20 % der AHS. Ein AHS -Schüler mit dem selben Leistungsprofil hat noch immer gar keine so schlechten Chancen bei entsprechendem Nachhilfeeinsatz (der ja auch in Abhängigkeit von der Finanzkraft der Eltern steht) die Matura zu absolvieren und ein Studium zu beginnen. Der Schüler aus der dritten Leistungsgruppe hat dagegen zumeist nicht einmal die Chance auf eine Lehrstelle.


Die viel zu frühe Selektion bewirkt die Vergeudung von Bildungsressourcen.
Begabten Kindern wird so die Chance auf eine qualitativ hochwertige Ausbildung genommen.

Ein halbes Jahrhundert nach dem revolutionären Entscheid des obersten Gerichtshofes der Vereinigten Staaten gegen Rassentrennung in den Schulen sollte unser Parlament nachziehen und (für die pflichtige Schulzeit) ein Gesetz gegen die Trennung der SchülerInnen nach Leistung beschließen, denn „die erzwungene Absonderung der Schwachen von den Tüchtigen erzeugt in ihnen ein Minderwertigkeitsgefühl, das ihre geistige Entwicklung hemmt und sie somit gleicher Chancen beraubt“. (In diesem berühmten Textzitat des obersten Richters Earl Warren steht freilich statt schwach und tüchtig „schwarz“ und „weiß“…)