Demokratie in der Schule - eine Farce


Die Gesellschaft erwartet, dass den Heranwachsenden demokratische Handlungskompetenzen  vermittelt werden. Wie Untersuchungen aus der Erziehungswissenschaft belegen,  kann man sich demokratisches Handeln aber nicht durch theoretisches Wissen aneignen, sondern vor allem aus dem persönlichen Erleben und aus der unmittelbaren Erfahrung heraus lernen. Wie demokratisch gehen SchulleiterInnen mit LehrerInnen  um ,  ist die zentrale Frage.

Der wertschätzende Umgang miteinander wird zwar ständig und überall betont, die erlebte Praxis aber zeigt etwas ganz anderes. Viele KollegInnen  haben den Eindruck, dass sie permanent mehr geben, als sie zurückbekommen. Lob wird kaum sichtbar. Auch Schulpsychologen fordern schon lange eine umfassende schulische Bestärkungskultur.

Das Vorleben von Anerkennung und Wertschätzung durch die Schulleitung prägt das Schulklima. Als Personalvertreterin verbringe ich viele Stunden im Gespräch mit LehrerInnen, die nachhaltig gekränkt  ( die Zahl der Langzeitkrankenstände steigt stetig, die Burn-Out-Rate schnellt geradezu in die Höhe) und demotiviert werden dadurch, dass ihre erfolgreiche engagierte Arbeit als selbstverständlich gesehen wird, ihre Arbeit nie genug ist und sie bewertet werden nach der Anzahl der Probleme , die in Klassen auftreten. II-L LehrerInnen können das dann auch in ihrer eigenen Leistungsbeurteilung wiederfinden, was wiederum Auswirkungen für ihre Weiterverwendung im Schuldienst hat. LehrerInnen werden vielfach mit schwierigsten verhaltenskreativen Kindern alleingelassen und bekommen bei Hilferufen Sätze wie „Damit müssen Sie fertig werden, ansonsten müssen Sie eben eine Fortbildung machen oder Sie haben den falschen Beruf gewählt“ zu hören . Unqualifizierte und unsachliche Kritik von Vorgesetzten sind im höchsten Maße mitverantwortlich für das „Negativklima“ innerhalb eines Lehrkörpers. Letztlich kann es nie genug Anerkennung geben und Stärken stärken ist immer besser als unsachliche Kritik zu üben. Eine moderne Schulhauskultur ist  eine Ermutigungs-und Bestärkungskultur. LehrerInnen dürfen sich nicht im Stich gelassen fühlen bzw. für alle Probleme allein verantwortlich gemacht werden.

Feedback scheint eines der pädagogischen Zauberwörter zu sein. Feedbackformen können anerkennend und förderlich, aber auch abwertend und geringschätzig sein. Ich habe mehrere Jahre an einem Selbstevaluationsprojekt mitgemacht. Wir wurden geschult und begleitet von Erziehungswissenschaftern ( Peter Posch, Anton Strittmatter, Herbert Altrichter u.a.), die uns lehrten Feedback so einzusetzen, dass eine positive Motivation entsteht, das eigene Verhalten zu reflektieren und sich so weiterzuentwickeln.  Als auch SchulleiterInnen in diesen Prozess miteingebunden wurden, gab es plötzlich Stress. Mein damaliger Chef redete eine Zeit lang nicht mehr mit mir, weil ich einige Änderungsvorschläge rückmeldete. Er fühlte sich von mir hintergangen , war zutiefst beleidigt und unser Vertrauensverhältnis  war lange nachhaltig gestört. Soweit zur Weiterentwicklung  von Führungspersonal.
Eine selbstbewusste und kompetente Schulleitung ist unter anderem erkennbar an der Bereitschaft zur Transparenz im eigenen Verhalten.

Jedes Jahr aufs Neue gerät der Lehrkörper in höchste Aufregung, wenn es um die Lehrfächerverteilung geht. In vielen Fällen ist diese ein Geheimnis. Immer wieder habe ich zu hören bekommen: „Das ist ja nur provisorisch, es ändert sich ohnehin noch alles. Es hat überhaupt keinen Sinn  die KollegInnen  frühzeitig damit zu belasten“.
Es ist leider noch immer nicht an allen Schulen üblich, die Lehrfächerverteilungen öffentlich im Konferenzzimmer auszuhängen; Stundenpläne werden teilweise nur den einzelnen LehrerInnen mitgeteilt und nur die Klassenstundenpläne sind für alle einsehbar. Warum SchulleiterInnen einzelne Personen mit Aufgaben wie Fachkoordination, Standortkoordination, KV, Lerndesign, Bewilligung von Fortbildungen usw. betrauen, finden noch zu viele SchulleiterInnen nicht  begründens- bzw. diskussionswert. Oftmals sind notwendige Entscheidungen der SL nicht  für alle gleich angenehm, sind sie aber von allen nachvollziehbar, fällt es leichter sie zu akzeptieren.

LehrerInnen verdienen  mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten

Lehrerinnen verdienen mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten in allen Belangen der Schule. Ich kenne nur sehr wenige Beispiele, wo eine Lehrfächerverteilung gemeinsam erstellt worden ist. „ Das würde nur zu Streitereien führen und nichts bringen“ -  die obligatorische Antwort. Die meisten unserer Chefs haben nicht den Mut sich einer Diskussion zu stellen. Besonders auffällig sind Maßnahmen zur Schulentwicklung, die vielfach nicht vom ganzen Lehrkörper erarbeitet werden. Da wird mit einigen Auserwählten im stillen Kämmerchen bestimmt, was dann alle zu tun haben. Ich habe Präsentationen von Schulprogrammen gesehen, von dem der Großteil der KollegInnen keine Ahnung hatte, dass das an ihrer Schule stattfinden soll. In meinen 40 Dienstjahren habe ich nur sehr wenige Male erlebt, dass gemeinsam darüber geredet wurde, wem welche Aufgabe übertragen werden soll. (KV, Fachkoordinator,…). Beispiele dazu lassen sich noch viele finden.

Sicherung der Schulqualität

Nach den ersten Testungen der Bildungsstandards wurden LehrerInnen , deren Klassen schlechter abgeschnitten hatten, zum Rapport und zur Nachschulung geschickt. Es wurde nicht gefragt wie das Klassenergebnis zustande kam, welche Kinder mit welchem sozialen Hintergrund in diesen Klassen sitzen, mit welchen Vorkenntnissen sie angefangen haben, welche fördernden Maßnahmen benötigt würden und dann zur Verfügung gestellt werden, sondern die einzige Maßnahme, die getroffen wurde, war, dass die LehrerInnen persönlich verantwortlich gemacht wurden ( „ Das haben Sie persönlich zu verantworten!“)  und dann zur Nachschulung verpflichtet wurden.

Pisa-Test, Bildungsstandards, Lesescreenings u.a. Tests  werden durchgeführt um angeblich die Schulqualität zu verbessern. Argumentiert wird mit einer besseren Vergleichbarkeit, um dann festzustellen wo eine Schule Aufholbedarf hat. Anstatt mehr Ressourcen zur Verfügung zu stellen, werden die  LehrerInnen unter Druck gesetzt -  in Zukunft vermutlich auch noch durch die neu ernannten PflichtschulinspektorInnen, die primär für Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung zuständig sein werden.

Der Erziehungswissenschafter Alfred Schirlbauer schreibt in seinem Aufsatz „Menschenführung durch Evaluation und Qualitätsmanagement“   „…Wenn deren Kraft schwindet., wird klar, dass übergegangen werden muss zu neuen Varianten der Steuerung des Systems, d.h. zu neuen Formen der Steuerung, welche die traditionellen hierarchischen Instanzen mit deutlich neuen Machtinstrumenten ausstatten, welche überdies den Vorzug haben, als solche nicht unmittelbar sichtbar zu sein.“ ( siehe auch: www.pull-ug.at)

 „Im Weißbuch Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung im österreichischen Schulsystem“  kann man nachlesen wie man sich europaweit vorstellt uns auf Trapp zu bringen.

Nach Ruth Mitschka ist Demokratie Lernen  eng verknüpft  mit Demokratie Leben. Der Erfahrbarkeit von „Gleichwürdigkeit“ im Umgang aller SchulpartnerInnen  miteinander kommt ein ebenso großer Stellenwert zu,  wie der Förderung von demokratischen Handlungskompetenzen (Interessensausgleich, Konfliktregelung, Meinungsbildung).
Die Führungsqualität der Schulleitungen wird als  bestimmender Teil einer demokratischen Schulkultur verstanden der vielfach in der Praxis nicht entsprochen werden kann.

Daher treten wir ein für ein gewähltes Schulleitungsteam auf Zeit

Die Leitung einer Schule umfasst zu viele verschiedenartige Aufgaben, als dass sie von einer Person professionell erfüllt werden können. Derzeit müssen KollegInnen Expertenaufgaben übernehmen ohne entsprechende Entscheidungskompetenz und Entlohnung damit Schule überhaupt gelingen kann.
Ein Leitungsteam auf Zeit zeichnet sich aus

  • durch die Aufteilung von Verantwortung,
  • durch Identifikation mit der Schule,
  • durch Hierarchieabbau
  • durch mehr Arbeitszufriedenheit der LehrerInnen.

Die derzeitige LeiterInnenbestellung ist eine Dauermisere mit Negativfolgen für die gesamte Bildungslandschaft.
Das Schulleitungsteam muss mit ausreichenden Zeitressourcen ausgestattet werden, die im Rahmen der Lehrfächerverteilung aufgeteilt werden.
Die Schulkonferenz hat die oberste Entscheidungsinstanz für offene Fragen zu sein.