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Keine Luft mehr zum Atmen

Sicher spreche ich nicht im Namen aller Lehrerinnen und Lehrer, möglicherweise aber im Namen vieler. Bitte das im Folgenden im Auge zu behalten.
Das, was sich zurzeit hinter vielen Schulfassaden intern abspielt, erreicht ein unerträgliches Ausmaß. Was vom Ministerium beziehungsweise Stadtschulrat als Bildungsreform ausgegeben und diktiert wird, bringt in der Praxis keine ernst zu nehmende Verbesserung für die Schülerinnen und Schüler. Dafür aber einen exorbitant hohen, wertvolle Kräfte verzehrenden, zusätzlichen Aufwand seitens der Lehrerschaft. Ob dies jetzt die neue Reifeprüfungsverordnung, sprich Zentralmatura, oder einen neuen kompetenzorientierten Unterricht betrifft. Es geht um nichtssagende Worthülsen, wie: Kompetenzorientierung, Kompetenzraster, Grund- und Erweiterungskompetenzen, Zusatzkompetenzen, Kompetenzmatrix, Kompetenzstrukturpläne, Kompetenzpools, Clusterkompetenzen und Clusterziele, Sozialkompetenz, Teamkompetenz . . .

Vor ein paar Jahren sollten wir Projektstrukturpläne entwickeln. Qualitätsstandards wurden bestimmt, eine Qualitätsmatrix geschaffen - im Sinne einer schulischen Qualitätssicherung haben wir in vielen Stunden unserer kostbaren Lebenszeit eine transparente Leistungsbeurteilung erarbeitet, die zu Schulbeginn per Verordnung in der bisher gehandhabten Form nicht mehr anzuwenden ist. Keine Erklärung, keine Begründung. Die Frage, welche Verbesserung eine differenzierte Definition diverser Unwörter tatsächlich für Schülerinnen und Schüler im Unterricht bringen soll, welcher Nutzen dahinter stehen soll, verhallt unbeantwortet im luftleeren Raum. Luftleer deswegen, weil wir Lehrerinnen und Lehrer keine Luft mehr zum Atmen haben und am Kollabieren sind! Viele von uns hecheln nur mehr ums Überleben (schulisch, psychisch und physisch).

So wie in diesem Bildungssystem mit dem Lehrpersonal umgegangen wird, grenzt an Diktatur und moderne Sklaverei. Dieses System laugt aus, frustriert, demotiviert, löst Resignation aus und macht krank, weil es selbst (tod)krank ist. Lehrer werden zu Betriebsmitteln degradiert, die der Willkür "von oben" ausgesetzt sind. Gewünscht wird die Umsetzung der Vorgaben ohne Widerrede, Lehrer sollen nur die ausführenden Organe eines am Schreibtisch entworfenen Kompetenzrasterwahnsinns sein. Ein Hinterfragen der Sinnhaftigkeit ist weder gewünscht noch geduldet. Wehe dem, der diese grandiose Idee infrage stellt! Ein Aufschrei der Lehrerschaft wird negiert, sind ja eh alles nur Nichtstuer - die sollen ruhig mal was arbeiten . . . Sagte nicht schon Kant: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"? Lautes (Nach-)Denken ist in dem Fall aber nicht erwünscht, soll dann jedoch als Kompetenz vermittelt werden. Schließlich sollen die zukünftig Auszubildenden zu Eigenständigkeit und Mündigkeit (Selbstkompetenz) angeleitet werden. Das passt nicht zusammen!!!

Es geht lang nicht mehr um pädagogisch wertvolle/wirksame Maßnahmen, die den Lernenden nützlich sein und die Unterrichtenden unterstützen sollen in ihrem Lehr- und Vermittlungsauftrag, sondern um die Durchsetzung politischer Interessen. Es geht nur um die Umsetzung, um jeden Preis, von übereilten, unausgegorenen Schreibtischideen, welche jeden Bezug zur Realität vermissen lassen. Es geht um Profilierung Einzelner, um jeden Preis, in sehr subtiler Form, die ihren Sessel warmhalten müssen, weil sie sonst keine Kompetenz aufweisen können, um ebendort zu sitzen.

Es geht um Macht und Machtspiele, die auf dem Rücken vieler Kolleginnen und Kollegen ausgetragen werden. Die Resignation, Erschöpfung und Frustration ist spürbar groß, viel zu groß - damit gehen nämlich die wahren Kompetenzen und wertvollen Ressourcen vieler verloren und endgültig den Bach hinunter. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.

Und selbst die, die versuchen, sich gegen die immer mächtiger werdende Strömung zu stemmen, werden weniger, verlieren zusehends an Kraft. Wenn das das Ziel sein soll: Rette sich, wer kann! Wenn man einen Sumpf trockenlegen will, darf man nicht die Frösche damit beauftragen . . .

Sollen doch die Kompetenzgebärer, Kompetenzentwickler und Kompetenzraster-Fans höchstpersönlich ihre Kompetenz IN DER PRAXIS (= Schule) unter Beweis stellen. Ob es dann allerdings noch eine Schule geben wird, wo Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten mit Freude, Erfahrung und Wertschätzung vermittelt werden, ist fraglich.

Denn: Schüler sind ja jetzt schon unsere Kunden und wir Lehrerinnen und Lehrer nur mehr "Kundenbetreuer" mit eingeschränkten Rechten - über mögliche unerwünschte Nebenwirkungen informieren Sie das Ministerium, der Stadtschulrat und die diversen Landesschulräte.

Dipl. Päd. Andrea Baumgartner ist Lehrerin an der HBLA Wien 16 in der Abteilung für künstlerisches Gestalten.