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PISA-Auswertung: "Sitzenbleiben" Gift für Bildungschancen

Elf Prozent schlittern ins Außenseitertum

In einer Detailauswertung zu ihrer PISA-Bildungsstudie hat sich die OECD mit den allerschwächsten Schülerinnen und Schülern beschäftigt und kommt zum Schluss: „Sitzenbleiben“ bringt aus statistischer Sicht für das Aufholen bei Bildungsdefiziten gar nichts, im Gegenteil: Das Wiederholen einer Klasse macht laut der OECD alles nur noch schlimmer. Auch sonst hat es die Auswertung in sich: Elf Prozent weisen demnach so gravierende Schwächen auf, dass sie sich als Erwachsene in der Gesellschaft nicht werden zurechtfinden können. Auch das Profil einer fiktiven Schülerin mit den schlechtestmöglichen Bildungschancen wurde erstellt.

Flächendeckend Schwächen in Österreich

Das „Sitzenbleiben“ wurde OECD-weit als größter Risikofaktor ausgemacht, um an das unterste Ende der Bildungschancen abzurutschen. Wer eine Klasse wiederholte, hatte selbst unter Berücksichtigung des sozioökonomischen Hintergrunds und der anderen Charakteristika das 6,4-fache Risiko auf eine Einordnung als leistungsschwacher Schüler. Für Österreich stuft die OECD gleich elf Prozent (OECD-Schnitt: zwölf Prozent) der 15- und 16-Jährigen als in allen getesteten Fachgebieten leistungsschwach ein.

Wie man „schwache Schüler“ definiert

Als „Schüler mit Leistungsschwächen“ definiert die OECD jene Jugendlichen, die bei der PISA-Studie in allen getesteten Fächern eine bestimmte Punktezahl unterschritten haben. 2012 wurden Lesen, Naturwissenschaften und schwerpunktmäßig Mathematik abgefragt. Die im Dreijahresrhythmus stattfindenden Tests haben wechselnde Schwerpunkte. Der erst nach politischem Tauziehen durchgeführte Test 2015, dessen Resultate Ende 2016 vorliegen werden, legte das Schwergewicht auf Naturwissenschaften.

Die elf Prozent der schwächsten Schülerinnen und Schüler, rund 9.500 in absoluten Zahlen, können mit Hilfe klarer Anweisungen und unter Heranziehung einer einzigen Informationsquelle zum Teil zwar simple Schlüsse ziehen, etwas komplexere Aufgaben aber nicht selbstständig lösen. Damit liegt Österreich deutlich über dem OECD-Schnitt, ebenso wie bei Schwächen nach jeweils einzelnen Fachgebieten aufgeschlüsselt.

Österreich im untersten Drittel

Zu schwachen Schülern gehören in Österreich in Mathematik 19 Prozent (OECD-Schnitt: 23 Prozent), im Lesen 19,5 Prozent (OECD: 18 Prozent) und in Naturwissenschaften 16 Prozent (OECD: 18 Prozent). In Mathematik ist dieser Anteil in Österreich gegenüber der ersten PISA-Studie praktisch konstant geblieben, im Lesen und in den Naturwissenschaften ist er jeweils um etwa einen Prozentpunkt leicht zurückgegangen. Der Wert von elf Prozent betrifft jene Schüler, die in jeder der drei Einzeldisziplinen schwach sind.

OECD-weit am geringsten ist die Zahl der in allen drei Disziplinen schwachen Schüler in Schanghai und Hongkong mit jeweils knapp zwei Prozent. In Europa liegen Estland (drei Prozent), Finnland (fünf Prozent), Polen und Liechtenstein (je sechs Prozent) am besten. Am unteren Ende der Skala findet sich Peru (53 Prozent), innerhalb der EU haben Bulgarien (29 Prozent), Rumänien (24 Prozent) und die Slowakei (19 Prozent) Aufholbedarf. Insgesamt befindet sich Österreich am Beginn des unteren Drittels aller Teilnehmerstaaten.

„Hochrisiko-Charakterprofil“ erstellt

Die OECD geht in der Sonderauswertung vor allem den Gründen für die Leistungsschwächen nach. Ergebnis: „Den“ einzigen Risikofaktor gibt es nicht, vielmehr „eher eine Kombination und Anhäufung verschiedener Hindernisse und Benachteiligungen, die Schüler ihr ganzes Leben lang begleiten“, etwa Geschlecht, sozioökonomischer Status, Migrationshintergrund, Sprache, Familiensituation, Wohnort, Schulwahl sowie der Besuch eines Kindergartens und der Umstand, ob eine Klasse wiederholt wurde.

Das höchste Risiko eines schlechten Abschneidens hätte OECD-weit demnach ein Mädchen mit Migrationshintergrund aus einem Alleinerzieher-Haushalt auf dem Land mit geringem Einkommen und Bildung, in dem eine andere Sprache als jene des Untersuchungslandes gesprochen wird, das keinen Kindergarten besucht hat und in eine Schule mit berufsbildendem Schwerpunkt geht, wo es bereits eine Klasse wiederholt hat. Für Österreich gilt Ähnliches, allerdings sind die Zusammenhänge mit der Familiensituation und dem Wohnort schwächer.

Einkommen in Österreich entscheidender

Der sozioökonomische Hintergrund spielt eine wichtige Rolle: 34 Prozent der Schüler aus Haushalten mit geringem Einkommen bzw. Bildung fielen in Österreich unter die Leistungsschwachen etwa in Mathematik - vergleichsweise waren es nur sechs Prozent aus finanzkräftigeren bzw. höher gebildeten Familien. Geld macht vor allem in Österreich einen Unterschied: Im OECD-Schnitt haben die mit den sozioökonomisch „besten Karten“ ein zehnprozentiges Risiko, in Mathematik ans unterste Ende abzurutschen.

 

 

Bessere Ergebnisse bei Wiener Lesetest

Die Wiener Volksschüler der vierten Klasse des Schuljahres 2014/2015 haben ihre Leseleistungen gegenüber den Erhebungen der Vorjahre gesteigert. Das zeigt das Ergebnis des neu konzipierten Wiener Lesetests 2015.

Allerdings erreichten noch immer zwölf Prozent der rund 14.800 getesteten Schüler nur die schwächste Kompetenzstufe (2013: 19 Prozent) - bei knapp vier Prozent wurde „keine messbare Lesekompetenz“ festgestellt.

71 Prozent haben „sicheres Textverständnis“

Insgesamt wurden 15.279 Kinder an 267 Volksschulen getestet - ausgeschieden wurden die Ergebnisse jener rund 500 Kinder, die außerordentliche Schüler sind bzw. nach einem Sonderschullehrplan unterrichtet werden. Von den restlichen 14.813 Kindern erreichten 553 (3,7 Prozent) nur zwischen null und elf der insgesamt 30 Punkte.

Weitere 1.295 Schüler (8,7 Prozent) zeigten nur „teilweises Textverständnis“ und fallen daher ebenfalls in die schwächste der drei Kompetenzstufen. 2.404 Kindern (16,2 Prozent) wurde „ausreichendes Textverständnis“ attestiert, 10.561 Kindern (71,3 Prozent) „sicheres Textverständnis“. In der letzten Gruppe sind auch jene 1.103 Kinder, die alle Aufgaben lösten und alle 30 Punkte erreichten.

Mehr als die Hälfte spricht zu Hause Deutsch

Von allen ausgewerteten Schülern gaben 57 Prozent an, daheim Deutsch zu sprechen. 43 Prozent nannten eine andere Sprache (primär Bosnisch-Kroatisch-Serbisch oder Türkisch). In der Gruppe der leseschwächsten Schüler haben rund zwei Drittel eine andere Muttersprache als Deutsch. Bei den leistungsstärksten Schülern mit 30 Punkten sprachen 84 Prozent daheim Deutsch.

Weitere Detailergebnisse: Buben erzielten leicht bessere Resultate als Mädchen, Ganztagsvolksschulen bei Schulmittelwerten zwischen 20 und 25 Punkten um einen Punkt bessere Resultate. Und 22 Schüler erreichten keinen einzigen Punkt bei den Multiple-Choice-Aufgaben.

Lehrer werten Test selbst aus

Bis 2013 wurde der Lesetest vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE) durchgeführt. Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ) beendete 2014 wegen „logistischer Schwierigkeiten und Fehlern bei der Auswertung“ aber die Zusammenarbeit - in diesem Jahr gab es daher keine Ergebnisse. Seit 2015 wird der Test von Ex-BIFIE-Chef Günter Haider bzw. einem Team der Uni Salzburg durchgeführt.

Wesentliche Unterschiede: Der 40-minütige Haupttest fand statt im Jänner im April statt - zu Jahresbeginn gab es dafür einen freiwilligen Vortest, bei dem sich die Schüler mit den Aufgabenformaten vertraut machen konnten. Anstatt vom Testinstitut wurden die Aufgaben anhand einer Schablone von den Lehrern selbst ausgewertet - diese wissen somit, welche Schüler welche Leseprobleme haben. Der Stadtschulrat erhielt die anonymisierten Schulergebnisse.

 

 

Reformen „ins Leere gelaufen“

Nach Ansicht des OECD-Bildungsexperten Andreas Schleicher hat Österreich im Unterschied zu Deutschland zu wenig getan, um die Zahl der leistungsschwachen Schüler zu senken. „Viele Reformen sind interessant, aber nicht in der nötigen Konsequenz durchgeführt worden“, so Schleicher im Ö1-„Mittagsjournal“. „Die verschiedenen Ebenen in Österreich, Bund und Länder, haben nicht an einem Strang gezogen.“

Deutschland habe dagegen einiges getan und die Zahl seiner leistungsschwachen Schüler deutlicher reduziert als Österreich, betonte Schleicher im Zuge der Präsentation der PISA-Auswertung zu leistungsschwachen Schülern in Berlin. „Frühe Förderung, Ganztagsschulen, Bildungsstandards, Investitionen in Lehreraus- und -weiterbildung - da ist in Deutschland viel in Gang gekommen.“

Ministerin sieht sich in ihren Forderungen bestätigt

Zum Unterschied von Deutschland sind laut Schleicher in Österreich „viele der Reformen ein bisschen ins Leere gelaufen oder ins Gegenteil verkehrt worden“. Die Studie habe etwa gezeigt, dass in jenen Ländern, die es geschafft hätten, die besten Lehrer und Direktoren in die schwierigsten Klassen bzw. Schulen zu bringen, der Anteil an schwachen Schülern am geringsten sei - gleichzeitig hätten die leistungsstarken Schüler davon profitiert.

Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) sieht durch die PISA-Auswertung allerdings vor allem eigene Forderungen und Konzepte wie die Ganztagsschule, gemeinsame Schule und ein zweites Kindergartenjahr bestätigt. „Die Ganztagsschulen bieten eine Verlängerung des Schulalltags und stellen damit eine effektive Förderung der SchülerInnen dar“, so die Ministerin in einer Aussendung. „Risikofaktoren wie geringe Sprachkenntnisse oder Sozialstatus sind besser ausgleichbar. Mit der Durchmischung der SchülerInnen kann gezielt auf diese Faktoren eingegangen werden.“

Opposition fordert Umdenken ein

Für NEOS-Chef Matthias Strolz wird mit der Auswertung jedoch „ein weiteres Mal bestätigt, welch dringenden Erneuerungsbedarf wir im österreichischen Schulsystem haben“. Die Regierung schaffe es allerdings „nicht einmal, an den kleinen Stellschrauben zu drehen - von einer echten Reform kann keine Rede mehr sein“. Er setzt daher auf Schulautonomie.

Das Team Stronach will dagegen, dass sich Direktoren ihr Lehrerpersonal selbst auswählen können, mittels individuellen Bildungsschecks eine „Privatschule für alle“ realisiert wird und eigene Deutschklassen für Flüchtlinge eingerichtet werden. „Erst wenn sie unsere Sprache ausreichend beherrschen, sollen sie am Regelunterricht teilnehmen dürfen“, so Bildungssprecher Robert Lugar in einer Aussendung.