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PISA: Experten schlagen in offenem Brief Alarm

Mehr als 700 Unterzeichner

Neben knapp 140 Erstunterzeichnern haben sich in einer Petition bisher rund 600 Personen dem von Heinz-Dieter Meyer von der State University of New York und Katie Zahedi, Direktorin der New Yorker Linden Ave Middle School, initiierten Schreiben angeschlossen. Darin kritisieren sie den Fokus der Studie auf wirtschaftlich verwertbares Wissen, wodurch die Vorstellung von Bildung "in gefährlicher Weise verengt" worden sei. "Durch das Messen einer großen Vielfalt von Bildungstraditionen und -kulturen mit einem engen und einseitigen Maßstab kann am Ende unseren Schulen und unseren Schülern irreparabler Schaden zugefügt werden."

Die Bildungspolitik habe im Gefolge von PISA ihre Aufmerksamkeit auf kurzfristige Maßnahmen verlagert, obwohl nachhaltige Veränderungen Jahrzehnte bräuchten; gleichzeitig sei die OECD Allianzen mit multinationalen, profitorientierten Unternehmen eingegangen, "die bereitstehen, um aus jedem von PISA identifizierten - realen oder nicht realen - Bildungsdefizit Profit zu schlagen". PISA habe außerdem zu einem dramatischen Anstieg an Tests geführt, bei denen die Leistung von Schülern, Lehrern und Schulleitern aufgrund von Testergebnissen bewertet würden, "die weithin als ungenau bekannt sind".

Besinnungspause gefordert

Die Verfasser des Briefes fordern eine "Besinnungspause", in der über Verbesserungsmöglichkeiten nachgedacht werden soll. Ihre Vorschläge: Alternativen zu Rankings, in denen Industrienationen mit Entwicklungsländern mit Kinderarbeit verglichen werden, Einbindung aller relevanten Akteure (u.a. Eltern, Lehrer, Wissenschafter), unabhängige internationale Beobachterteams sollen die Durchführung der Studie überwachen und die Kosten der Studie veröffentlicht werden, so dass die Steuerzahler der Mitgliedsstaaten über eine weitere Teilnahme entscheiden und eine "alternative Verwendung der Millionenausgaben" erwägen können.

Zumindest Österreich dürfte eine solche "Besinnungpause" 2015 ohnehin bevorstehen: Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) hatte nach einem angeblichen Datenleck beim zuständigen Bundesinstitut für Bildungsforschung (Bifie) die Vortests zur PISA-Studie mit der Begründung gestoppt, dass die Datensicherheit nicht gewährleistet sei. Die für das Frühjahr 2014 geplanten Vortests sind Voraussetzung für eine Teilnahme an der eigentlichen Studie. Allerdings hat die Ministerin zuletzt wiederholt betont, dass sie im Gespräch mit der OECD sei und großes Interesse an einer Lösung habe.

(apa/ep; erstellt am 13.05.2014)

 

Offener Brief an Andreas Schleicher, OECD, Paris

Sehr geehrter Herr Dr. Schleicher,

wir wenden uns an Sie in Ihrer Funktion als verantwortlicher Direktor der OECD für das
„ Programme of International Student Assessment“ (PISA). Im dreizehnten Jahr nach seiner
Einführung ist  PISA heute weltweit als Instrument bekannt, um Ranglisten von
OECD-Mitgliedsländern und Nicht-OECD-Staaten (mehr als 60 in der letzten Zählung) zu
erstellen und zwar aufgrund der Bewertung von Testleistungen von 15jährigen SchülerInnen
und Schülern in Mathematik, Naturwissenschaften und Lesen. Die PISA-Ergebnisse
werden regelmäßig von Regierungen, Bildungsministern sowie den Herausgebern
von Tageszeitungen ängstlich erwartet und werden in zahllosen politischen Dokumenten
als unhinterfragbare Autorität zitiert. PISA hat die Bildungspraxis in vielen Ländern
inzwischen tiefgreifend beeinflusst. Als Folge der PISA-Tests reformieren Staaten ihre
Bildungssysteme in der Hoffnung, ihr Abschneiden im PISA-Ranking zu verbessern.
In vielen Ländern führte der mangelnde Fortschritt bei den PISA-Tests dazu, eine
„ Bildunskatastrophe“ oder einen „PISA-Schock“ auszurufen, gefolgt von Rücktrittsforderungen
und weitreichenden Reformen gemäß PISA-Maßstäben.

Wir sind offen gestanden tief besorgt über die negativen Folgen der PISA-Rankings.
Nachfolgend einige unserer Bedenken:

Obwohl standardisierte Tests schon länger in vielen Ländern (trotz gravierender Vorbehalte 
    gegenüber deren Validität und Zuverlässigkeit) gebraucht werden, hat PISA zu einer
    Eskalation solcher Tests beigetragen und zu einem dramatischen Anstieg in Gebrauch und
    Bedeutung quantitativer Messungen geführt. So berief man sich beispielsweise in den USA
    jüngst auf PISA als maßgebliche Rechtfertigung für das „Race-to-the-Top“ Programm.
    Dieses Programm hat die Bedeutung standardisierter Tests in der Evaluation von
    Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern und Schulleitern weiter verstärkt.
    Mit solchen Tests wird die Arbeit von Schülern, Lehrern und Schulleitern aufgrund von
    Testergebnissen bewertet und klassifiziert, die weithin als ungenau bekannt sind.
   (vgl. etwa den unerklärten Abstieg Finnlands vom ersten Platz der PISA-Rangliste).


In der Bildungspolitik hat der dreijährige Testzyklus von PISA die Aufmerksamkeit auf
    kurzfristige Maßnahmen verlagert in der Absicht, schnell im Ranking aufzuholen, obwohl
    die Forschung zeigt, dass nachhaltige Veränderungen in der Bildungspraxis nicht Jahre,
    sondern Jahrzehnte benötigen, um fruchtbar zu werden. So wissen wir zum Beispiel, dass
    der Status von Lehrern und das Ansehen des Lehrerberufs einen starken Einfluss auf die
    Unterrichtspraxis haben. Dieser Status ist aber von Kultur zu Kultur sehr verschieden und
    nicht leicht durch kurzfristige politische Maßnahmen veränderbar.

 Da PISA nur einen engen Ausschnitt messbarer Aspekte von Bildung betont, lenken die
     Tests die Aufmerksamkeit von den weniger messbaren oder nicht messbaren Bildungs- und    
     Erziehungszielen wie z.B. der körperlichen, moralischen, staatsbürgerlichen und künstlerischen
     Entwicklung ab. Dadurch wird die öffentliche Vorstellung von dem, was Bildung ist und sein soll,
     in gefährlicher Weise verengt.

Als Organisation für wirtschaftliche Entwicklung ist die OECD naturgemäß auf die
    ökonomische Rolle der öffentlichen Schulen fokussiert. Aber die Vorbereitung auf
    einträgliche Arbeit kann nicht das einzige, ja nicht einmal das Hauptziel öffentlicher
    Bildung und Erziehung sein. Unser Schulwesen muss Schülerinnen und Schüler auch
    auf die Mitwirkung an der demokratischen Selbstbestimmung, auf moralisches Handeln
    und auf ein Leben in persönlicher Entwicklung, Reifung und Wohlbefinden vorbereiten.

 -  Im Gegensatz zu Organisationen der Vereinten Nationen (UN) wie UNESCO oder UNICEF,
     die ein klares und legitimes Mandat im Bildungsbereich haben, verfügt die
     OECD nicht über ein solches Mandat. Auch gibt es derzeit keine Mechanismen, die
     eine wirkungsvolle demokratische Teilhabe an deren Entscheidungsprozessen zu
     Bildungsfragen ermöglichen.

  Um PISA und eine große Zahl daran anschließender Maßnahmen durchzuführen, ist
     die OECD „Public Private Partnerships“ und Allianzen mit multinationalen, profitorientierten
     Unternehmen eingegangen, die bereitstehen, um aus jedem von PISA identifizierten–
     realen oder vermeintlichen – Bildungsdefizit Profit zu schlagen. Einige
     dieser Firmen verdienen an den Bildungsdienstleistungen die sie für öffentliche Schulen 
     und Schulbezirke bereitstellen. Diese Firmen verfolgen u.a. auch Pläne, eine profitorientierte
     Grundschulbildung in Afrika zu entwickeln, wo die OECD derzeit plant,
     PISA einzuführen.

 -  Schließlich und am wichtigsten: Das neue PISA-Regime mit seinen kontinuierlichen
     globalen Testzyklen schadet unseren Kindern und macht unsere Klassenzimmer bildungs-
     ärmer durch gehäufte Anwendung von Multiple-Choice-Testbatterien, vorgefertigten
     (und von Privatfirmen konzipierten) Unterrichtsmodulen, während sich die
     Autonomie unserer Lehrer weiter verringert. Auf diese Weise hat PISA den ohnehin
     schon hohen Grad an Stress an unseren Schulen weiter erhöht und gefährdet das
     Wohlbefinden von Schülern und Lehrern.

Diese Entwicklungen stehen in offenem Widerspruch zu weithin anerkannten Prinzipien
guter Bildungspolitik und demokratischer Praxis:

   Keine tiefgreifende Reform sollte auf nur einem einzigen, beschränkten Qualitätsmaßstab
      beruhen.

 -   Keine tiefgreifende Reform sollte die wichtige Rolle von außerschulischen Faktoren
      ignorieren, wozu insbesondere die sozioökonomische Ungleichheit einer Gesellschaft
      gehört. In vielen Ländern hat die soziale Ungleichheit über die letzten 15 Jahre dramatisch
      zugenommen, was die sich ausweitende Bildungskluft zwischen Reich und
      Arm erklärt. Diesem sozialpolitischen Problem kommen auch die ausgeklügeltsten
      Bildungsreformen nicht bei.

 -   Eine Organisation wie die OECD— wie jede Organisation, die das Leben unserer Gesellschaften
      tiefgreifend beeinflusst— sollte von den Mitgliedern dieser Gesellschaften
      demokratisch zur Rechenschaft gezogen werden können.

Doch wir schreiben nicht nur, um Mängel und Probleme aufzuzeigen. Wir möchten
ebenso konstruktive Ideen und Vorschläge anbieten, die dazu beitragen können, die
oben angeführten Probleme zu verringern. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit nennen
wir die folgenden:

 Alternativen zu Ranglisten: Es sind aussagekräftigere und weniger sensationsheischende
     Wege für Bildungsvergleiche zu finden. Es macht zum Beispiel weder pädagogischen
     noch politischen Sinn, Entwicklungsländer, in denen 15-Jährige regelmäßig
     zur Kinderarbeit verpflichtet werden, mit Ländern der Ersten Welt zu vergleichen.
     Zudem setzt dies die OECD dem Vorwurf des Bildungskolonialismus aus;

-  Partizipation aller relevanten Akteure: Bis jetzt haben Psychometriker, Statistiker und
    Ökonomen den größten Einfluss auf Testkonzeption und -durchführung. Ihnen steht
    sicher ein Platz am Tisch zu. Dies gilt aber auch für Eltern, Pädagogen, Vertreter der
    Bildungsverwaltung, Studenten und Schüler ebenso wie für Wissenschaftler aus Disziplinen
    wie der Anthropologie, Soziologie, Geschichte, Philosophie, Linguistik wie
    auch der Kunst und den Geisteswissenschaften. Woran und wie wir die Bildung von
    15 jährigen Schülern bemessen, sollte Gegenstand von Diskussionen sein, bei denen
    alle diese Gruppen auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene einbezogen sind.

 -  Einbeziehung der vollen Bandbreite nationaler und internationaler Organisationen:
    Insbesondere Organisationen, deren Auftrag über den ökonomischen Aspekt öffentlicher
    Bildung hinausgeht und die sich mit Gesundheit, umfassender Entwicklung,
    Wohlbefinden und Glück der Schüler und Lehrer beschäftigen. Das würde sowohl die
    oben erwähnten Organisationen der Vereinten Nationen als auch – um nur einige zu
    nennen – Verbände von Lehrern, Eltern und Schulverwaltungen miteinschließen.

Kostentransparenz: Die direkten und indirekten Kosten der Durchführung von PISA
    sollten veröffentlicht werden, so dass die Steuerzahler der Mitgliedstaaten alternative
    Verwendungen der Millionenausgaben für diese Tests erwägen und bestimmen können,
    ob sie weiterhin an diesen Tests teilnehmen wollen.

 -  Unabhängige Aufsicht und Überwachung: Unabhängige internationale Beobachterteams
    sollten die Durchführung von PISA von der Konzeption bis zur Umsetzung
    überwachen, so dass häufig geäußerte Kritik bezüglich Testformat, Statistik- und
    Auswertungsmethoden angemessen diskutiert werden kann und Vorwürfe von Einseitigkeit
    und unfairen Vergleichen geprüft werden können.

  Rechenschaftslegung und Interessenkonflikte: Es sollte detailliert Rechenschaft über
     die Rolle privater, profitorientierter Unternehmen in der Vorbereitung, Ausführung
     und Nachfolge von PISA abgelegt werden, um scheinbare oder tatsächliche Interessenkonflikte
     zu vermeiden.

Besinnungspause: Die OECD-Testmaschinerie sollte heruntergefahren werden. Um
    Zeit für die Diskussion der hier erwähnten Aspekte auf lokaler, nationaler und internationaler
    Ebene zu gewinnen, wäre es nützlich, den nächsten PISA-Zyklus auszusetzen.
    Das würde Zeit verschaffen, um das Gelernte, das aus den vorgeschlagenen Überlegungen
    hervorgeht, zu verarbeiten.

Wir zweifeln nicht, dass die PISA-Experten der OECD den aufrichtigen Wunsch haben,
Bildung zu verbessern. Aber wir können nicht verstehen, wie die OECD zum globalen
Schiedsrichter über Mittel und Ziele von Bildung in der ganzen Welt werden konnte.
Die enge Ausrichtung der OECD auf standardisierte Tests droht Lernen in Pedanterie zu
verwandeln und Freude am Lernen zu beenden. Durch den von PISA stimulierten internationalen
Wettlauf um Testergebnisse hat die OECD die Macht erhalten, weltweit Bildungspolitik
zu bestimmen, ohne jede Debatte über die Notwendigkeit oder Begrenztheit
der OECD-Ziele. Durch das Messen einer großen Vielfalt von Bildungstraditionen
und -kulturen mit einem engen und einseitigen Maßstab kann am Ende unseren Schulen
und unseren Schülern irreparabler Schaden zugefügt werden.

(Autorisierte Fassung von „Open Letter to Andreas Schleicher“ ;

Übersetzung: Gesellschaft für Bildung und Wissen e.V.)

Heinz-Dieter Meyer,

Professor, State University of New York

Katie Zahedi,

Schulleiterin, Linden Avenue Middle School, Red Hook, New York