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"LehrerInnen unterrichten nur jeden 2. Tag"

 

KURIER: Herr Salcher, seit sechs Jahren kritisieren Sie schonungslos das Schulsystem. War das Schuljahr 2013/’14 wieder ein verlorenes Jahr?

 

Andreas Salcher: Absolut. Kurzfristig bin ich sehr pessimistisch, aber langfristig optimistisch, dass es wirklich zu einer Schulreform kommt. Aber nicht vonseiten der Politik, sondern von den Eltern, weil der Widerstand unter den Eltern immer größer wird. Das prognostizieren Sie seit Jahren, aber eine Revolution der Eltern ist nicht zu orten ...

Das dauert eben. Die DDR hat auch 40 Jahre gebraucht, bis die Mauer gefallen ist. Sie vergleichen das Schulsystem mit dem Kommunismus?

 

Mit der Planwirtschaft in all seinen Ausformungen – mit ständig steigenden Kosten, steigender Unzufriedenheit, Leistungsfeindlichkeit, fehlendem Wettbewerb und einem riesigen Nachhilfe-Schwarzmarkt. Wie in der Planwirtschaft gibt es eine kleinen Funktionärsschicht, die davon profitiert und das System mit Zähnen und Klauen verteidigen. Wenn ein System die Bedürfnisse seiner Mitglieder nicht mehr befriedigen kann, wird es zusammenbrechen.

Wird der Zusammenbruch nicht wegen akuter Geldnot kommen?

Wir haben immer mehr Lehrer, geben immer mehr Geld aus, aber nichts wird besser. Die Zahl der Schüler ist in den letzten 40 Jahren um ca. 100.000 gesunken, die Zahl der Lehrer hat sich fast verdoppelt. Dividiert man die 1.142.726 Schüler durch die 124.862 Lehrer, dann kommt man auf ein Betreuungsverhältnis von 9,1 Schülern pro Lehrer. Das wäre besser als in der teuersten Privatschule. Und rechnet man die gesamten Ferien, Wochenenden, Feiertage und die schulautonomen Tage im Jahr zusammen, erkennt man, dass in Österreich Unterricht nur an jedem zweiten Tag stattfindet. Trotzdem werden 3,6 Millionen Überstunden produziert.

Also nicht die Hypo ist schuld daran, dass beim Schulbudget gespart werden muss, sondern dass nur an jedem zweiten Tag unterrichtet wird?

Die Hypo wird nur vorgeschoben. Selbst nächstes Jahr steht vor dem Unterrichtsbudget ein Plus. Denn die Personalkosten, die Dreifachverwaltung der Schulen, der künstliche Lehrermangel sind ein Budgettreiber, der einfach nicht mehr einzudämmen ist.

Was sind die Lösungen?

Es ist unsere heilige Pflicht, drei Weichenstellungen zu beschließen: Eine schlanke Verwaltung, mit einem starken Ministerium und Autonomie der einzelnen Schulen – dort gehört die Macht hin. Kein Mensch braucht eine zusätzliche Verwaltung bei den Ländern, sagen der Rechnungshof und alle Experten.

Punkt zwei ist: Lehrer leisten ihre Arbeit acht Stunden pro Tag an ihrer Schule. Das lässt sich am besten durch ein faires Jahresarbeitszeitmodell umsetzen. Die gute Nachricht, liebe Lehrer, die Aufteilung ihrer Zeit zwischen Unterricht, regelmäßiger Fortbildung, Betreuung von Projekten, Teambesprechungen, wird nicht zentral vorgegeben, sondern erfolgt autonom an der Schule durch den Direktor. Punkt drei: Der Direktor kann sich seine Lehrer aussuchen und völlig ungeeignete kündigen. Er wird jeweils auf vier Jahre von einer unabhängigen Kommission bestellt und an der Erfüllung der Bildungsstandards für seine Schule gemessen.

Wie soll das beschlossen werden, wenn schon das Lehrerdienstrecht 33 Verhandlungsrunden brauchte?

Jetzt kommt die schlechte Nachricht für Lehrergewerkschafter: Wir beschließen das im Parlament ohne 33 Verhandlungsrunden.

Mit der Verschlankung der Verwaltung werden Sie sich bei den Landeshauptleuten keine Freunde machen, die wollen, dass der Bund die Lehrer an die Länder abgibt ...

Jeder, der nach Deutschland blickt, sieht die negativen Konsequenzen. Eine nationale Bildungspolitik ist unmöglich, die Schülerleistungen zwischen Nord- und Süddeutschland klaffen immer stärker auseinander.

Die Neue Mittelschule schneidet bei allen Vergleichstest schlecht ab. Ist die NMS für Sie gescheitert?

Der Grundansatz der NMS war, ein AHS- und ein Hauptschullehrer unterrichten gemeinsam. Das ist schon von Beginn an gescheitert, weil sich die AHS-Lehrer weigerten. Das zweite Standbein war Teamteaching. Per Verordnung funktioniert das nicht, sondern nur, wenn man Lehrer intensiv darauf vorbereitet und ihnen in der Klasse klare Rollen gibt. Teilweise sind Lehrer in den Klassen gestanden, die sich nicht einmal kannten. Das Teamteaching existierte am Papier, aber nie in der Realität und hat nur zur Kostenverdoppelung geführt. Deswegen hat die Neue Mittelschule bei den Vergleichstest schlechter abgeschnitten als die Hauptschule. Was macht man, wenn etwas nicht funktioniert? Man evaluiert es und analysiert die Ursachen. Aber die Ministerin will davon nichts wissen, und fährt das Konzept weiter durch wie bisher.

Die Stadt Wien führt nun die Gratis-Nachhilfe ein. Ist das nicht eine Bankrotterklärung des Bildungssystems?

Das ist der letzte Schritt dazu, dass die Schule zum Fernlerninstitut mit Anwesenheitspflicht am Vormittag wird. Der Vormittag ist mittlerweile egal, gelernt wird am Nachmittag. Und jetzt sagt die Stadt Wien, wer sich das System des Fernlerninstituts nicht leisten kann, den unterstützen wir finanziell. Das ist völlig absurd. Es geht nicht um mehr Unterricht, sondern es muss wieder mehr Wertschätzung zwischen Schüler und Lehrer passieren, dann werden auch die Lernerfolge steigenund zwar im regulären Unterricht.

Wie kann man die feindselige Stimmung abschaffen?

Wenn man schon die Zentralmatura einführt, dann so, dass die Lehrer nicht jene Kinder prüfen, die sie unterrichten, sondern externe Lehrer prüfen. So passiert es auch in Frankreich. Das würde das Verhältnis zwischen Schüler und Lehrer entkrampfen und den Teamgeist stärken. Der Fahrlehrer prüft ja auch nicht seinen Schüler.