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Sprachförderung: Expertenpapier entfacht Debatte neu

Diese Klassen sollen allerdings nur temporär als eine Art „Crashkurs“ fungieren. Mit dem Schlagwort „Ausländerklassen“ wollen die Experten nichts zu tun haben - die FPÖ fühlt sich dennoch bestätigt. Und auch sonst ist die Debatte neu entfacht.

Möglichst frühe Sprachförderung

Der von Integrationsminister Sebastian Kurz (ÖVP) eingesetzte Expertenrat für Integration schlägt in seinem neuen Bericht, der am Montag präsentiert werden soll, verpflichtende Sprachfördergruppen vor dem Eintritt in den Regelunterricht für Kinder mit Sprachproblemen vor. Das berichteten „Kurier“ und „Kleine Zeitung“ am Freitag. Der Vorschlag sorgt bereits für hitzige Debatten.

Die betroffenen Kinder sollen nicht mehr wie bisher in den normalen Klassen als „außerordentliche Schüler“ eingestuft, sondern in eigene Vorbereitungsklassen eingegliedert werden. Diese Intensivkurse sollen so kurz wie möglich dauern. Außerdem spricht sich der Rat für ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr für Kinder mit besonders hohem sprachlichem Förderbedarf aus.

Extraunterricht für maximal ein Jahr

Der Umgang mit „Quereinsteigern“ - also Kindern, die nicht in Österreich aufgewachsen, sondern erst später nach Österreich gezogen sind - war lange Zeit umstritten. Sie wurden bei mangelnden Sprachkenntnissen als „außerordentliche Schüler“ in die normalen Klassen aufgenommen, nicht in allen Fächern benotet und erhielten dort Sprachförderung. Die Experten bezeichnen das in ihrem Bericht wörtlich als „nicht zielführend“.

Dauern soll der Extraunterricht bis zu ein Jahr - im Idealfall aber auch nur wenige Wochen, sagt der Autor des Kapitels „Sprachförderung“, Ilan Knapp vom Jüdischen Bildungszentrum Wien, gegenüber Ö1. Es liege am Fortschritt des einzelnen Schülers, der einzelnen Schülerin, wie schnell er oder sie in den normalen Unterricht darf - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Hamburg als Vorbild

Als erfolgreiches Beispiel führen die Experten im Bericht das Hamburger Modell der Sprachförderung an. Dort gibt es „Vorbereitungsklassen“ für Kinder, die aus dem Ausland in die Stadt kommen, in denen sie in kleinen Gruppen maximal ein Jahr lang die Sprache lernen. Allerdings ist das nur ein Teil des Hamburger Konzepts: Alle Kinder - egal, welche Muttersprache sie haben - werden im Alter von viereinhalb Jahren getestet.

Bei Förderbedarf sind entsprechende Kurse in individuell abgestimmten Inhalten in Kindertagesstätten verpflichtend. Auch während der Schulzeit gibt es regelmäßig Überprüfung der Sprachkenntnisse, die Förderung erfolgt einerseits innerhalb der Regelschule, andererseits kann es auch außerschulische Förderung geben. Rund 500 zusätzliche Stellen wurden für die Sprachförderung geschaffen.

„Crashkurs“, kein „paralleles Schulwesen“

Auch der Vorsitzende des Expertenrats für Integration, Heinz Faßmann, hält demnach die dauerhafte Einrichtung eigener Klassen für Kinder mit Sprachproblemen für „kontraproduktiv“. Die von seinem Gremium vorgeschlagenen Vorbereitungsklassen für „Quereinsteiger“, also Kinder, die erst in der Schulzeit nach Österreich kommen, verglich er im Ö1-Mittagsjournal mit einem „Crashkurs“.

In einem solchen sollte in möglichst kurzer Zeit ein Grundstock an Deutschkenntnissen vermittelt werden, so Faßmann. Diese Kurse könnten durchaus auch in den Sommermonaten stattfinden. Ziel müsse die schnelle Überführung der Kinder ins Regelschulwesen sein. Keinesfalls wolle man damit ein „paralleles Schulwesen“ schaffen. Und er plädiert auch für Sprachförderung bereits im Kindergartenalter, mit einem Sprachstandstest für alle Kinder, also nicht nur Migranten - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Vorabveröffentlichung sorgt für Verwirrung

Mit den Ausführungen Faßmanns wurde auch ein bisschen klarer, was die Experten tatsächlich vorschlagen. Der vollständige Integrationsbericht wird erst am Montag veröffentlicht, einigen Medien wurde er aber vorab übergeben. Diese zitierten auch daraus, was für einige Verwirrung sorgte. So zeigte sich die Linguistin Ruth Wodak von der Universität Lancaster, ebenfalls Mitglied der Expertengruppe, gegenüber dem „Standard“ (Onlineausgabe) überrascht über die ersten Medienberichte: „Ich erkenne diesen Bericht nicht wieder.“

Annäherung schon im Vorjahr

In Österreich wurden eigene Vorschulklassen bisher nur für Schüler eingerichtet, die aus körperlichen oder geistigen Gründen mit dem Besuch einer Regelklasse überfordert wären. Die SPÖ warnte dabei vor „Ghettoklassen“, während vor allem Kurz für das System „Deutsch vor Schuleintritt“ plädierte.

Bereits im Vorjahr gab es aber eine Annäherung: Die damalige Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) und Kurz einigten sich auf ein Modell, bei dem der jeweilige Schulleiter über die Form der Sprachförderung (eigenen Klasse, zeitlich befristete Sprachfördergruppe oder Mischmodell) entscheiden soll. Im aktuellen Regierungsprogramm findet sich sogar ein Passus, wonach „für Kinder mit Sprachförderbedarf verpflichtende sprachliche Intensivkurse eingerichtet werden“.

„In Ballungsräumen schon Usus“

Dementsprechend kommt auch wenig Widerstand aus der SPÖ. Schon jetzt würden vor allem in Ballungsräumen Kinder mit Sprachproblemen in vorbereitenden Gruppen auf den Regelunterricht vorbereitet, hieß es aus dem Bildungsministerium auf APA-Anfrage.

„Es macht aber keinen Sinn, die Kinder langfristig aus der Gruppe herauszunehmen.“ In ländlichen Regionen bzw. bei nicht mehr schulpflichtigen Kindern seien standortspezifische Lösungen etwa unter Einbeziehung von Vereinen nötig - dazu seien weitere Gespräche mit dem Integrationsministerium nötig.

Auch die Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl (SPÖ) zog Wien als Beispiel heran: Für Kinder ohne Deutschkenntnisse gebe es etwa die „Neu in Wien“-Kurse, bei denen die Schüler für einen bestimmten Zeitraum aus der Klasse genommen werden und Sprachförderung erhalten. Die Kinder würden dabei nicht die ganze Zeit aus der Klasse herausgelöst, damit sie die Sprache beim Plaudern mit den Mitschülern auch anwenden können.

Grüne wollen zweites Kindergartenjahr gratis

Grünen-Bundessprecherin Eva Glawischnig kann dem Vorschlag, Kinder mit mangelnden Deutschkenntnissen in spezielle Klassen zu stecken, nichts abgewinnen. Sie will bereits bei den Kleinsten ansetzen und fordert ein zweites verpflichtendes Kindergartenjahr - danach wäre die Sprachkompetenz bei allen so gut ausgeprägt, dass sie mit sechs Jahren gemeinsam dem Unterricht folgen können.

Sie verwies bei einer Pressekonferenz am Freitag auf den bereits jetzt vorhandenen Förderunterricht und betonte dazu, dieser sei nicht an Nationalitäten, Staatsbürgerschaften oder die Herkunft zu knüpfen, sondern ausschließlich an die sprachliche Entwicklung eines Kindes. Glawischnig meinte im Übrigen: „Mein Kind hat auch einen sprachlichen Deutschförderunterricht gebraucht.“ Die Grünen-Chefin zeigte sich zufrieden damit, dass sich die Diskussion über die Integration in den vergangenen Jahren positiv verändert habe.

Ministerium verweist auf Mittel für Sprachförderung

Glawischnig liegt damit auf ähnlicher Linien wie das Bildungsministerium, das ebenfalls einen Schwerpunkt auf den Kindergartenbereich legen will: „Wir müssen bei den Kleinsten beginnen.“ Deshalb plädiere man für ein zweites Gratiskindergartenjahr für alle Kinder. Für den Kindergarten stelle man vonseiten des Bundes 2015 20 Mio. Euro für die sprachliche Frühförderung zur Verfügung. Auch im Schulbereich habe man gerade die Verlängerung der Mittel für die Sprachförderung in Höhe von 50 Mio. Euro in den kommenden zwei Jahren beschlossen.

FPÖ fühlt sich bestätigt

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache sah sich am Rande bei einer Pressekonferenz in der Forderung seiner Partei nach „Ausländerklassen“ bestätigt. Bei dem Pressegespräch mit dem freiheitlichen Kandidaten für den Wiener Stadtschulrat, dem 21-jährigen schlagenden Burschenschafter Maximilian Krauss, meinte Strache, seit 15 Jahre würde seine Partei das fordern, habe aber immer nur einen „Shitstorm“ geerntet.

Nun gebe ihm das Expertengremium recht. Allerdings stellten die FPÖ-Forderungen in den vergangene Jahren immer nur darauf ab, den „Ausländeranteil“ in den Schulen auf 25 oder 30 Prozent zu limitieren und die restlichen Schüler mit Migrationshintergrund und Sprachproblemen in eigene Klassen zu stecken.

 

Sonderförderung für fremdsprachige Kinder

Wie hilft man Kindern, die zu wenig Deutsch können, um in der Schule mitzukommen. Am besten, indem man sie in Klassen mit deutschsprachigen Kindern schickt, so lernen sie am schnellsten. Das zumindest ist die unter Experten gängige Ansicht: Diesen Weg soll man auch fortsetzen, meint der Expertenrat für Integration, der für den zuständigen Minister Sebastian Kurz arbeitet. Zusätzlich müsse man aber diese Kinder in eigenen Kursen fördern.

Konzept für in- und ausländische Kinder

Für die Sprachförderung sei ein ganzheitliches Konzept notwendig, sagt Heinz Fassmann, der Vorsitzende des Expertenrats für Integration. Ein entsprechender Vorschlag ist im neuen Integrationsbericht. Beginnend mit einem Sprachstands-Test im Kindergartenalter, für alle Kinder: "Wenn dann ein bestimmter Förderbedarf im Bereich der deutschen Sprachbeherrschung existiert, sollen Fördermaßen einsetzen. Das gilt nicht für 'Migrantenkinder', sondern für alle Kinder – das ist eine wichtige Sache, und zieht sich durch alle Maßnahmen hindurch." Bei Bedarf sollen dann Sprachfördergruppen im Kindergarten für gleiche Startchancen in der Volksschule sorgen. Auch dort soll zusätzlicher Förderunterricht angeboten werden: "So ein Förderunterricht ist dann ein additiver Unterricht – Kinder bleiben in ihrer Klasse und erhalten zusätzlichen Unterricht, der vielleicht am Nachmittag stattfinden kann. Wir würden uns dann erwarten, dass Unterschiede im Bereich der Deutschkenntnisse mit der Zeit ausgeglichen werden." Für Kinder, die ihre Schullaufbahn nicht in Österreich begonnen haben, soll es Vorbereitungsklassen geben: "So eine Vorbereitungsklasse solle funktionieren wie ein 'Crashkurs' – es soll in möglichst kurzer Zeit ein notwendiger Grundstock an Deutschkenntnissen beigebracht werden. So Ein Crashkurs kann auch in den Sommermonaten stattfinden. Ziel ist eine Überführung in das Regelschulwesen."

Temporär und integriert

Das sollen aber nicht ständige, eigenen Schulklassen sein, stellt Heinz Fassmann klar: "Die Betonung liegt auf temporär. Das sollte keine dauerhafte Einrichtung sein, kein paralleles Schulwesen für Migranten oder für Personen, die schlecht deutsch sprechen. Das wäre auch kontraproduktiv zu dem, was wir unter Integration verstehen." Zur Diskussion um eigene Schulklassen für Migranten sagt der Leiter des Expertenrates, die Zuspitzung dieser Debatte auf Extraklasse, wir der Sache nicht gerecht. Der Bericht verlange eine sehr differenzierte Vorgangsweise, aber " durch diese Zuspitzung kann man das sehr leicht von der politischen Agenda streichen". Vielmehr sei eine Diskussion notwendig, so Fassmann, wie mit nicht-deutschsprachigen Kindern im Schulsystem umgegangen werde.