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Bildungssystem als soziale Falle

In den OECD-Ländern sind es dagegen durchschnittlich immerhin 28 Prozent der Männer und 36 Prozent der Frauen, die mit ihren Bildungsabschlüssen die eigenen Eltern überflügeln. Bei den 26- bis 64-Jährigen schaffen überhaupt nur in Deutschland und Tschechien noch weniger den Aufstieg als in Österreich.

Studie umfasst gesamtes Bildungssystem

Diese Umstände sind freilich nicht neu. Seit 1996 veröffentlicht die OECD jedes Jahr eine aktuelle Ausgabe ihrer Studie. Die Ergebnisse decken dabei das gesamte Bildungssystem vom Kindergarten bis zur Erwachsenenbildung ab. Die Studie umfasst unter anderem Daten zur Bildungsbeteiligung, Absolventenquoten, Bildungsausgaben sowie zu Weiterbildung und zu Lehr- und Lernbedingungen.

Für Österreich war der Tenor über die Jahre hinweg recht gleichlautend: Das Land habe zu wenige Akademiker, zu niedrige Schreib- und Lesekonsequenzen und überdurchschnittliche Gehälter für Lehrer. Darüber hinaus stand seit Jahren eben die geringe Durchlässigkeit des Bildungssystems in der Kritik.

Heinisch-Hosek baut auf Gesamtschule

Der Problematik scheint sich die Politik durchaus bewusst zu sein. Der grüne Bildungssprecher Harald Walser etwa spricht von „erschreckenden“ Befunden und fordert eine „Bildungsrevolution“. Aber auch aus der Regierung kommt der Wunsch nach Veränderung. „Wir brauchen mehr Bewegung bei der Vererbung von Bildung“, sagte Bildungsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) Ministerin am Dienstag anlässlich der Veröffentlichung der OECD-Studie bei einem Hintergrundgespräch. Dabei will sie - wenig überraschend - auf Maßnahmen wie die Ausbauoffensive bei Ganztagsschulen setzen.

Um mehr Kindern den Besuch dieser „echten“ Ganztagsschulen zu ermöglichen, wo soziale Benachteiligungen besser ausgeglichen werden sollen, will Heinisch-Hosek auch über eine mögliche Auflösung der Schulsprengel diskutieren, so dass künftig leichter Schulen aus Nachbargemeinden besucht werden können. Allerdings müsse man hier „akribisch aufpassen“, dass es nicht zu Benachteiligungseffekten von Gemeinden, die viel in Schulen investiert haben, komme.

Hohe Bildungsausgaben

Insgesamt sieht Heinisch-Hosek durch die aktuelle OECD-Studie allerdings auch bekannte Trends bestätigt: Österreich sei bei der Berufsbildung „top, man kann sagen Weltklasse“ und habe die Wirtschaftskrise verhältnismäßig gut bewältigt. Auch bei der Elementarpädagogik habe man „ordentlich aufgeholt“, so haben 2012 schon 65 Prozent der Dreijährigen einen Kindergarten besucht (plus 18 Prozent seit 2005, OECD-Schnitt: 70 Prozent). Bei den Bildungsausgaben sei jedoch „teilweise mehr Effizienz gefragt“.

Tatsächlich liegt Österreich mit Ausgaben von 13.116 US-Dollar pro Auszubildenden vom Kindergarten bis zu den Hochschulen hier deutlich über dem OECD-Schnitt von 9.487 Dollar. Das kann auch auf die vergleichsweise kleinen Klassengrößen, sowie die verhältnismäßig kurze Zeit, die Lehrer in den Klassen verbringe, zurückgeführt werden. Während österreichische Lehrer in der Hauptschule und AHS-Unterstufe durchschnittlich 607 Stunden im Jahr unterrichten, kommen ihre Kollegen im OECD-Schnitt auf 694 Stunden. Dazu kommen die im OECD-Vergleich hohen Lehrergehälter.

Hohe Gehälter für Lehrer und Akademiker

Verglichen mit anderen Akademikern relativieren sich freilich die Gehälter von Österreichs Lehrern. So verdient ein Lehrer in der Volksschule gerade einmal 55 Prozent vom durchschnittlichen Akademikergehalt, in der Sekundarstufe I sind es 60 und in der Sekundarstufe II 61 Prozent. Überhaupt sind die Vorteile einer Hochschulbildung in Österreich am Arbeitsmarkt besonders hoch: Die Beschäftigungsquote der 25- bis 64-Jährigen liegt bei Akademikern bei 87 Prozent (OECD: 83 Prozent) und damit auch höher als bei Absolventen aller anderen Ausbildungsstufen.

Außerdem erzielen Akademiker gegenüber Absolventen des Sekundarbereichs II (z. B. AHS-Maturanten, Lehrabsolventen, Absolventen von berufsbildenden mittleren Schulen) in Österreich ein um 71 Prozent höheres Einkommen. Im OECD-Schnitt beträgt dieser Unterschied nur 59 Prozent. Das mag auch an der in Österreich noch immer verhältnismäßig niedrigen Akademikerquote liegen. Der Anteil der 25- bis 64-Jährigen mit Hochschulabschluss (Tertiärbereich A und B) liegt erst bei 20 Prozent (OECD: 32 Prozent). An der weltweiten Spitze befinden sich Kanada (53 Prozent), Japan (47 Prozent) und Israel (46 Prozent).

Mehr Hochschulabschlüsse

Allerdings sollte die Quote in Zukunft ansteigen. Nach der aktuellen OECD-Studie werden hierzulande 39 Prozent eines Altersjahrgangs im Lauf ihres Lebens ein Studium abschließen. Damit liegt Österreich im OECD-Schnitt. Der Anstieg der Abschlussquote ist freilich zu Teilen Kosmetik. So sind die vermehrten Abschlüsse auch auf die Einführung der Fachhochschulen Mitte der 1990er Jahre sowie schnellere Studienabschlüsse (Bachelor) ab dem Beginn der 2000er Jahre zurückzuführen.

Auf die Akademikerquote selbst schlägt diese Entwicklung allerdings noch nicht sofort durch. Denn die Akademikerquote betrifft die 25- bis 64-Jährigen und zeigt den Anteil der Akademiker in dieser großen Altersgruppe. Bis die aktuellen und zukünftigen Abschlussquoten nachweislich die Akademikerrate prägen, wird es also noch Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte dauern.