Antrag PULL-UG

Ein seitens der PULL-UG gestellter Antrag anlässlich der geplanten Einführung von Bildungsstandards

 

Im März 2004 hat die PULL-UG untenstehenden Brief als Antrag in den DA (Dienststellenausschuss) Weiz eingebracht.
Dieser Brief wurde vom DA Weiz an die pädagogischen Verantwortungsträger des Landes Steiermark: den Amtsführenden Präsidenten Dr. Horst Lattinger, LSI Herrmann Zoller, LSI Helga Thomann, LSI Herbert Buchebner, BSI Juliane Müller, BSI Anneliese Riedl, den ZA Steiermark, die GÖD Landessektion Pflichtschullehrer, das Zentrum für Schulentwicklung und an das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur mit dem Ersuchen um Stellungnahme übermittelt:


 

Einführung von Bildungsstandards

Laut BMBWK sollen ab dem Schuljahr 2004/05 an den Nahtstellen unseres Bildungssystems (nach 4 bzw. 8 Jahren) jährlich die Leistungen durch ein Standard-Monitoring überprüft werden. Vorläufig in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch. In einem ersten Ausbauschritt - einer sog. "Erprobungsphase bis 2007" - sollen dann Lehrplanmodifikationen, Schulentwicklung und die Vorbereitung der LehrerInnen auf diese neue Orientierung hin ausgerichtet werden.

Was mit welcher Regelung standardisiert und vereinheitlicht und wie überprüft werden soll, wie die Standards genau aussehen, ob sie den Lehrplan partiell oder ganz ersetzen sollen, ob sie als Minimalstandards oder als Maximalstandards angesetzt werden - darüber existiert in unserer realen Bildungspolitik noch keine konkrete Vorstellung.

Das BMBWK hat das Reformkonzept der Zukunftskommission vorgestellt und sich in ungewohnter Eile entschlossen, einen Paradigmenwechsel von der input- zur output- orientierten Steuerung des Schulwesens zu organisieren. Ohne ein Gesamtkonzept der Qualitätsentwicklung zu haben, sollen jetzt mit Hochdruck Bildungsstandards entwickelt werden.

Aus den PISA-Ergebnissen der Länder mit qualitativ hochwertigen Schülerleistungen können wir erkennen, dass jeder Aufbau einer institutionellen Barriere (differenzierte Standards nach Schulform, selektionsbedingte Übergänge von einem Schultyp zu anderen) die Ungleichheit innerhalb eines Bildungssystems verstärkt.

Auf Österreich bezogen heißt dies: die frühe und permanente Selektion in unserem Schulwesen "perfektionieren"

Laut der internationalen Bildungsstudie "PISA" und Studien des Instituts für Bildungsforschung ist gerade die soziale Herkunft der Kinder in Österreich nach wie vor das zentrale Kriterium für ihren weiteren Bildungsweg und das wird über die Standardisierung und die sich daraus ergebende Selektion weiterzementiert.

Das BMBWK ist sich folglich darüber im Klaren, auf welch radikalen Kurswechsel es sich mit einem "Leistungsvergleich der Schulen" einlässt.

  • Man ist bereit, die aus Frankreich und GBR hinlänglich bekannten unerwünschten Nebenwirkungen von schulischen Leistungsvergleichen durch Steuerungselemente in einem Marktmodell zu beleben, das auf verschärfte Konkurrenz zwischen den Schulen "teaching to the test" und auf (Teil-) Privatisierung setzt.
  • Standardisierte Tests setzen SchülerInnen und LehrerInnen einem ständigen Leistungsdruck aus. Ergebnisorientierte Tests bekommen größere Bedeutung als lebendige Unterrichtsprozesse, das Abtasten kognitiver Fähigkeiten bekommt Vorrang vor Persönlichkeitsentwicklung. Für SchülerInnen-Interessen bleibt weniger Zeit, Einschränkungen der Lehr- und Lernfreiheit sind die logische Folge.
  • Mit externen Qualitätssicherungstests lässt das BMBWK das Erreichen überregionaler Standards (Kernkompetenzen?) sowie den Wert der einzelnen Schule kontrollieren. Dass sich der Staat damit auch mehr Macht über das Schulsystem sichert, während er die finanzielle Verantwortung über die Zuteilung von "Globalbudgets" an die einzelnen Schulen abschiebt, erscheint als reale Gefahr, wie die Erfahrungen im Umgang mit der "Schulautonomie" uns lehren.

Und wer kontrolliert die Kontrolleure? Niemand. Kontrolliert wird die Qualität von Inspektorenteams. Die Personalvertretung sowie die Gremien der Schulpartner kommen im Papier der Zukunftskommission gar nicht vor.

Wir fordern ein demokratisches Gesamtkonzept in der Bildungsreform. Nicht SchülerInnen oder LehrerInnen sollten "geprüft" werden. Geprüft werden soll ein demokratisches Bildungssystem insgesamt, wie es dazu beitragen kann, junge Menschen darauf vorzubereiten, aktiv und selbstbestimmt an der Gesellschaft teilzuhaben und sie mitzugestalten sowie unterschiedliche Dimensionen des Handelns in ihrer eigenen Bedeutung zu sehen und zu nutzen (neben der kognitiven auch die moralische, soziale Dimension).

Wir lehnen derart unkoordinierte Reformansätze ab. Solche haben wir erlebt bei der Integration von Behinderten (Ressourcenbewirtschaftung), bei der Schulautonomie (Stundenkontingente), bei der Einführung des Lehrplans 99 (ohne Schulprogramm beschlossen) und bei der Erprobung des LDG-Neu (Tätigkeitsbereich C).

Positive Reformansätze werden sukzessive kaputtgespart. Schnellschuss-Aktionen auf Basis des Berichts der sogenannten "Zukunftskommission", die Ressourcenfragen, Schulorganisation und Finanzierung ausklammern, sind keine Lösung, sondern Teil des Problems.

Wir fordern daher im Interesse der KollegInnen und der uns anvertrauten SchülerInnen eine tiefgreifende demokratische Bildungsreform und den Beginn von intensiven, aufrichtigen Diskussionen unter Einbeziehung aller Betroffenen, denn schließlich geht es um gesellschaftspolitische Weichenstellungen für die Zukunft kommender Generationen.

 

die PULL-UG