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In der Steiermark lassen sich regional sowohl der höchste als auch der niedrigste Bildungsstand Österreichs in unmittelbarer Nähe voneinander finden. Die meisten Akademiker und Akademikerinnen des Landes gibt es in der Universitätsstadt Graz, die wenigsten in der Südoststeiermark. Doch spricht man mit Steirern und Steirerinnen, wird schnell klar: Die Kluft verläuft nicht nur zwischen Stadt und Land, sondern auch zwischen individuellen Wünschen und gesellschaftlicher Wirklichkeit.

Auf dem Boden liegt Bauschutt verstreut, daneben stapeln sich hölzerne Europaletten. Eiserne Gerüste verdecken die historische Fassade der Universitätsbibliothek. Ein rot-weiß gestreiftes Absperrband sowie Gitterzäune sollen Unbefugte am Betreten der Baustelle hindern. Doch an einem Freitagnachmittag scheint es ohnehin niemanden zu geben, der sich um die Baustelle kümmern würde. Weder Studierende noch Bauarbeiter. Der Umbau der Universitätsbibliothek der Karl-Franzens-Universität (KFU) Graz dürfte in der Steiermark allerdings nicht die einzige Bildungsbaustelle sein.

Bildung ist in der österreichischen Politik ein Dauerbrenner, so auch im laufenden Wahlkampf. Umstritten ist das Terrain nicht nur, weil Österreich international eher schlechte Zeugnisse ausgestellt bekommt. Bildung ist zwischen den Parteien wohl eines der ideologisch am meisten aufgeheizten Politthemen. Ein Lokalaugenschein in den steirischen Regionen wirft ein Schlaglicht auf das Spannungsfeld zwischen individuellen Bedürfnissen und allgemeinen Anforderungen.

Stadt, Land, Schluss: Bildung auf der Kippe

Die Steiermark schmückt sich selbst gern mit dem Titel „Bildungsland Nummer 1“, wie etwa auf der Website zu lesen ist – dabei scheint man aber über eher bildungsschwächere Regionen hinwegzublicken. Laut Bildungsbericht der Statistik Austria ist der Anteil der Bevölkerung mit einem Hochschul- oder Akademieabschluss in Graz mit fast 33 Prozent zwar bundesweit am höchsten, allerdings gibt es einen großen Unterschied zwischen der Landeshauptstadt und den ländlichen Bezirken. So liegen fünf der zehn politischen Bezirke mit dem niedrigsten Anteil in der Steiermark, allen voran im Bezirk Südoststeiermark. Hier beträgt die Akademikerquote lediglich 7,8 Prozent.

Bildung in der Steiermark

Die höchste abgeschlossene Schulbildung ist bei 38,3 Prozent aller Steirer und Steirerinnen die Lehre. Dahinter folgt mit 21,9 Prozent die Pflichtschule. 12,8 Prozent schlossen eine Berufsbildende Mittlere Schule ab, zehn Prozent eine Universität oder FH.

Doch warum sind die Bildungschancen so ungleich verteilt? Der Soziologe Max Haller gibt im Gespräch mit ORF.at eine einfache Antwort: „Hauptgrund dafür, dass junge Menschen in eine Bildungsinstitution gehen, ist das Angebot. Und das ist immer noch ungleich verteilt zwischen Stadt und Land.“ Auch die steirischen Statistiken zeigen: Je größer eine Gemeinde ist, desto höher ist der Anteil an Maturanten und Hochschulabsolventen. Je kleiner und stärker agrarisch geprägt eine Gemeinde ist, desto größer ist der Anteil jener, die eine Pflichtschule, Lehre oder Berufsbildende Schule als höchste abgeschlossene Ausbildung haben.

Keine Ausbildung ohne Pendeln

In den betroffenen Regionen wird das auch als Problem gesehen: „Es ist schade, dass die Erreichbarkeit und Verfügbarkeit von Bildungseinrichtungen die Entscheidung, was man später machen will, so stark einschränkt“, sagt Beate. Sie selbst hat eine Lehre zur Friseurin und Bürokauffrau gemacht und lebt mit ihrer Familie in der südoststeirischen Gemeinde Kirchberg an der Raab.

Im Ort gibt es, neben ungewöhnlich viel Blumenschmuck, zwar einen Kindergarten, eine Volksschule und eine Neue Mittelschule (NMS), doch wer sich für eine weitere Ausbildung interessiert, kommt, wie in so vielen anderen ländlichen Gemeinden auch, am Pendeln nicht vorbei. Auch Beate musste früher täglich zur Berufsschule nach Graz fahren – ein Zeitaufwand von rund zwei Stunden.

Anders ergeht es Lukas und Mike. Beide begannen vor mittlerweile drei Jahren eine Lehre und stiegen damit direkt ins Berufsleben ein. Lukas als Lackierer und Spengler, Mike als Elektriker. Sowohl Arbeitsplatz als auch Berufsschule befinden sich in der Nähe ihres Wohnortes. Nicht so bei Hannah – die 18-Jährige muss für ihre Ausbildung zur Floristin von Kirchberg sogar nach Wien fahren.

Zugang zur Bildung immer eine Frage der Postleitzahl?

Den Vorwurf, ob Zugang zur Bildung immer eine Frage der Postleitzahl sein müsse, hält die steirische Landesrätin für Bildung Ursula Lackner (SPÖ) jedoch für „unsachlich“. Es liege in der Natur der Sache, dass es in Ballungsräumen aufgrund der höheren Zahl der Schüler und Schülerinnen ein breiter gefächertes Bildungsangebot gebe als in ländlichen Regionen. Auch ermögliche eine größere Zahl an Schülern, vielfältigere, den Unterricht ergänzende Zusatzangebote zu initiieren, so Lackner gegenüber ORF.at.

Der Soziologe Haller kritisiert diese Sichtweise allerdings als „vereinfachend“, denn „in der Natur der Sache liegt gar nichts“ – schließlich gebe es nicht nur Ballungszentren und ländliche Regionen. Er kann sich durchaus „Subzentren“ auf regionaler Ebene für Bildungsstandorte vorstellen, etwa in der Obersteiermark.

Ähnlich wie Lackner argumentiert jedoch auch Josef Schuster. Der 30-jährige Stattegger unterrichtet an einer NMS im ländlichen Bereich und meint: „An einem kleinen Standort wie unserem in Semriach macht es keinen Sinn, eine weiterführende Schule anzubieten, das ist, wie wenn ich in der tiefsten Oststeiermark eine Salzwasserfischzucht aufziehen würde.“

Dem steirischen Erziehungs- und Bildungswissenschaftler Rudolf Egger zufolge gehe es darum, allen Menschen das Angebot zu bieten, das ihrer Lebensrealität entspreche und sie weiterbringen könne. Denn „genauso wie es bildungsferne Menschen gibt, gibt es menschenferne Bildung“. Dafür müsse es Bestandaufnahme in den Regionen geben, um das anbieten zu können, was auch gebraucht und sinnvoll sei.

Matura und Studium, „damit was wird aus dir“

Solange die öffentlichen Verbindungen passen, sei das Pendeln aber nicht das Problem, so der Tenor unter den Betroffenen. Etwas ganz anderes sei hingegen die weitverbreitete Geringschätzung der Lehre. „Wenn man heutzutage eine Lehre macht, ist man ja schon fast untergeordnet. Es heißt immer noch: ‚Du musst Matura und Studium machen, damit was wird aus dir.‘ Aber bald wird es keine mehr geben, die unsere Autos reparieren oder Stromleitungen legen“, so Marina im Gespräch mit ORF.at. Die Kirchbergerin hat im Laufe des einen oder anderen Jahrzehnts schon diverse Ausbildungen und Jobs gemacht.

Auch NMS-Lehrer Schuster verweist auf den Fachkräftemangel: „Wenn wir nur darauf pochen, dass alle studieren gehen, werden gewisse Dienstleistungen entweder unbezahlbar oder sterben aus.“ Hier seien auch die Gemeinden gefordert, die nötige Infrastruktur zu schaffen, indem etwa Betriebe in der Region angesiedelt und Schüler durch ein öffentliches Verkehrsangebot unterstützt werden.

Schadet bessere Qualifikation der Region?

Das sieht auch der Bürgermeister der 4.500-Seelen-Gemeinde Helmut Ofner (ÖVP) so: „Wir als Gesellschaft müssen hier ein anderes Bild vermitteln, und zwar, dass wir alle im System brauchen.“ Auch helfe es nichts, wenn man jeden in die Oberstufe schicke, dann aber mit Abwanderung zu kämpfen habe. Denn bessere Chancen in qualifizierten Berufen gibt es nach wie vor überwiegend in der Stadt.

Schon jetzt zieht es viele Junge in die Städte, nur selten kommen sie zurück. Bessere Qualifikation ist also für eher strukturschwache Regionen mehr ein Problem als eine Chance. Ofner wünsche sich, dass Studienabsolventen auch wieder in die Gemeinde zurückkehren und so den ländlichen Standort stärken – in „Zeiten der Anbindung an das Glasfaserkabel“ sei schließlich viel möglich. Die Frage nach konkreten Berufsmöglichkeiten ließ er jedoch offen.

Aufwertung der Lehre gefordert

Für die befragten Expertinnen und Experten steht vor allem die Aufwertung der Lehre im Vordergrund: Laut Landesrätin Lackner werde ein wesentlicher Beitrag dafür durch den österreichischen Nationalen Qualifikationsrahmen (NQR) erreicht. Hier werden Abschlüsse aus allen Bildungsbereichen abgebildet, wodurch eine prinzipielle Gleichwertigkeit von akademischer Bildung und Berufsbildung zum Ausdruck gebracht werden soll.

In ländlichen Bereichen genieße die Lehrausbildung ohnehin noch „ein höheres Prestige“, sagt Haller. Auch die NMS stelle nicht nur eine unattraktive Alternative zur Unterstufe zum Gymnasium dar, sondern eine positiv bewertete und qualitativ hochstehende Schulform.

Haller verweist hier auf den Arbeitsmarkt, auf dem es Verbesserungen brauche: Ein Beruf werde aufgewertet, „wenn man besser verdient“. Viele Junge hätten zudem mit hohen und unregelmäßigen Arbeitszeiten zu kämpfen.


ORF.at/Tamara Sill

Trotz Hindernissen und Widerständen auf die Uni

Genauso ist aber die umgekehrte Situation – Uni statt Lehre – eine große Herausforderung. Denn noch vor dem regionalen Kontext und der Staatsbürgerschaft spielt bei Bildung vor allem die soziale Herkunft eine Rolle. Nach wie vor kommen laut Bildungsbericht lediglich 3,6 Prozent aller österreichischen Studenten und Studentinnen aus „Arbeiterfamilien“, wo beide Eltern nur einen Pflichtschulabschluss haben.

In ihrer Familie war Marion die Erste, die studiert hat. Die gebürtige Frohnleitnerin war in der damaligen Hauptschule in der ersten Leistungsgruppe. „Deshalb war mein Vater dahinter, dass ich die Matura mache“, sagt sie. Sie wollte zwar ins Gymnasium, ihr Vater empfahl ihr aufgrund besserer Einstiegsmöglichkeiten in den Beruf jedoch die HAK. Dennoch entschied sie sich nach ihrem Abschluss für ein Studium – „einfach, weil ich mehr erreichen wollte“, so die 27-Jährige.

Anders war das bei Martin. Der 45-Jährige stammt aus einem 600-Einwohner-Dorf in Oberösterreich und absolviert derzeit seine Professur in Experimentalphysik an der KFU. Wenn es nach seinen Eltern gegangen wäre, hätte er eine Lehre zum Tischler gemacht und würde nun im Ort arbeiten. Stattdessen zog es ihn hinaus in die Welt. Nach der Hauptschule und der HTL in Wels studierte er in Wien, Berlin und Amsterdam. Für ihn war von Beginn an klar, dass er eine Führungsposition anstrebt. Er rät daher allen, das zu machen, was man selbst will – ohne sich von außen beeinflussen zu lassen.

Chancen für alle – aber wie?

Egal ob regionale, soziale oder nationale Herkunft – bei der Frage, wie Chancengleichheit erreicht werden kann, gehen die Meinungen weit auseinander. Im Schulbereich stehen Konzepte einer einheitlichen Schule bis zum 14. Lebensjahr und eine damit einhergehende spätere Vorentscheidung für den Bildungsweg einem differenzierteren Schulsystem gegenüber. Auch eine ausreichende ganztägige Kinderbetreuung gibt es weiterhin oft, gerade auf dem Land, nicht. Sie gilt jedoch als Bedingung dafür, dass alle dieselbe Chance auf Bildung haben. Und im Hochschulbereich fordern viele zwar freie Bildung für alle, andere wiederum sehen aber in Studiengebühren und strengeren Aufnahmeverfahren die Lösung.

Und während auf dem Campus der Uni Graz pünktlich zu Beginn des Wintersemesters die Bauzäune abmontiert und die Pforten der Bibliothek wieder geöffnet werden, zeigen die Reformen und die Reformen der Reformen der vergangenen Jahre, dass an den vielen anderen Bildungsbaustellen wohl noch länger gearbeitet wird.

Tamara Sill, ORF.at, aus der Steiermark

 

 

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