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„Mir geht es darum, Schülern eine Stimme zu geben“, so der 17-jährige Wiener Schüler. Mit der App „Lernsieg“ könnten sie nun Lehrern Feedback geben: für die Fairness der Lehrerinnen und Lehrer, für ihre Geduld, ihre Motivationsfähigkeit und ihre Unterrichtsvorbereitung. Bei Schulen kann das Angebot an Fächern und Kursen bewertet werden, die Sportanlagen und ob man sich in den Klassen wohl fühlt.

„Feedbackkultur soll sich entwickeln“

Hadrigan wurde von einem App-Entwickler, einem Rechtsanwalt und Investoren unterstützt. „Die Grundidee ist, dass sich eine Feedbackkultur entwickelt“, so Hadrigan. Das Schulsystem werde sich durch die App „maßgeblich verbessern“, zeigte sich Hadrigan überzeugt. Die Idee für ein (damals nur internes) Bewertungssystem hatte der heute 17-Jährige bereits vor Jahren als Schulsprecher, scheiterte aber damals. Nun hat er das Projekt im größeren Stil aufgezogen und sich das Bewertungssystem von Plattformen wie Uber und Airbnb zum Vorbild genommen.

Datenbank mit rund 90.000 Lehrenden

Für die Gratis-App wurde eine Datenbank mit rund 90.000 Lehrern und den entsprechenden Schulen angelegt. Dort können Schüler ihre Pädagogen ab der AHS-Unterstufe bzw. Neuen Mittelschule (NMS) in Kategorien wie Unterricht, Fairness und Pünktlichkeit mit einem („Nicht genügend“) bis fünf Sternen („Sehr gut“) bewerten. Bei weniger als fünf Sternen kann in vorgegeben Unterkategorien konkretisiert werden, welche Mängel es gibt, etwa dass der Unterricht zu langsam oder nicht spannend genug aufgebaut ist. Für jede Schule gibt es dann ein Ranking der „besten“ Lehrer.

Um Manipulation bei den Ergebnissen wie mehrfache Stimmabgabe zu verhindern, wird jede Anmeldung per SMS verifiziert. Ob tatsächlich nur Schüler ihre Stimme abgeben, könne man zwar nicht überprüfen. Aber: „Ich bewerte ja auch nicht Ärzte, bei denen ich nicht war“, so Hadrigan. Eine Bewertung kann nur jeweils einmal vorgenommen, allerdings auch wieder verbessert oder verschlechtert werden, wenn sich die Einschätzung ändert. Aus den Bewertungen der Schulen soll ein österreichweites Ranking entstehen.

„Diffamieren von Lehrern nicht möglich“

Beraten werden die App-Entwickler von dem Rechtsanwalt und kurzzeitigen freiheitlichen Justizminister Michael Krüger. Die Lehrerbewertung sei rechtlich zulässig, sagte Krüger und verwies auf die Meinungsfreiheit: „Das Recht auf Meinungsäußerung schützt nicht nur das Recht, die eigene Meinung zu dokumentieren, zu sagen und zu vermitteln, sondern auch Meinungen anderer entgegenzunehmen und zu transportierten“, so Krüger. So verhalte es sich bei dieser Schülerplattform.

Ein Diffamieren von Lehrern, so der App-Erfinder, sei nicht möglich, weil es keine Kommentarfunktion gebe. Befürchtungen, die es schon im Vorfeld von der Lehrergewerkschaft gegeben hat, wies App-Erfinder Hadrigan zurück: Es solle klargestellt werden, dass es „wahnsinnig viele gute Lehrer gibt, es ist nicht negativ gedacht“. Überhaupt gebe es für Lehrer „keinen Grund zum Fürchten“: „Wir fragen nicht die Beliebtheit ab, sondern objektive Kriterien.“

„Das wird das Leben von vielen Lehrern positiv beeinflussen.“ Bei schlechten Rückmeldungen könnten die Pädagogen wiederum ihre Schwächen erkennen und daran arbeiten. Hadrigan sprach gegenüber der Lehrergewerkschaft die Einladung aus, an der App gemeinsam weiterzuarbeiten: „Ich glaube, es ist alles ein Miteinander.“

Sechsstelliger Betrag investiert

Finanziell unterstützt wird Hadrigan bei der App von einer Investorengruppe um Philipp Ploner mit einem sechsstelligen Euro-Betrag. „Lernsieg“ (erschienen im März 2019) soll künftig weiterentwickelt werden und im Idealfall auch Geld abwerfen – wie, wurde vorerst nicht gesagt. App-Erfinder Hadrigan war zuletzt mit seinem Buch „#Lernsieg“ in den Medien. Darin stellte er ein von ihm entwickeltes Lernsystem mit Social-Media-Anwendungen wie Snapchat vor, mit dem er sich vom schlechten Schüler zum Klassenbesten gewandelt haben soll.

Ranking der zehn besten Schulen

Neben dem jeweiligen Schulprofil gibt es auch ein Ranking der zehn besten Schulen. Diese können in Kategorien wie Lehrangebot, Neue Medien, Sauberkeit, Sportstätten und Unterstützung von „Fridays for Future“ bewertet werden. Hadrigan sieht darin eine neue Möglichkeit für Eltern, die beste Schule für ihre Kinder zu finden. Insgesamt erhofft er sich durch die App mehr Transparenz und einen stärkeren Leistungsgedanken durch die Konkurrenzsituation.

Lehrervertreter will Rechtsmittel ausschöpfen

Das im Vorfeld der Präsentation bereits erklärte Ziel der Lehrergewerkschaft ist die Verhinderung der App. Man werde „alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen“, so der oberste Lehrervertreter Paul Kimberger (FCG). Man habe Juristen gebeten zu prüfen, wie die rechtliche Situation aussehe.

Im Ö1-Mittagsjournal äußert der oberste Lehrervertreter am Freitag erneut Bedenken wegen des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte. Außerdem würden viele Lehrer seit Jahren über Werkzeuge des Bildungsministeriums Feedback ihrer Schüler einholen. Kimberger hätte sich gewünscht, dass die Lehrervertreter bereits bei der Erstellung der App einbezogen und nicht erst im Nachhinein zur Mitarbeit eingeladen worden wären.

Kimberger: „Populistische App lehne ich ab“

Lehrer würden sich bewerten lassen, aber in einem wertschätzenden und respektvollen Rahmen. „Eine populistische App lehne ich ab.“ Die Macher der App würden daran verdienen wollen. „Das ist legitim, aber sicher nicht auf Kosten der Lehrerinnen und der Lehrer.“ Im Moment prüfe die Rechtsabteilung der Gewerkschaft, ob mit der App alle gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden.

Deutlich gelassener reagierte zuletzt Bildungsministerin Iris Rauskala. Sie wollte die neue App noch nicht bewerten. „Es stellt sich die Frage, ob sie für konstruktive, kritische Feedbackkultur genützt wird“, so Rauskala am Dienstag. „Es wäre nicht in unserem Sinn, wenn es zu Bashing oder digitaler Vernaderung kommt.“

Evaluation wird derzeit überarbeitet

Rauskala verwies auf die mit der Bildungsreform 2017 gestarteten Veränderungen bei der Schulaufsicht und der Schulevaluation. In Sachen Feedback an den Schulen arbeite man gerade konkrete Änderungen aus. Natürlich habe aber jeder die Möglichkeit, solche Apps privat zu entwickeln. Sollte es dabei zu einer Verletzung von Persönlichkeitsrechten von Lehrern kommen, sei das natürlich nicht in Ordnung. Das Ministerium werde aber selbst keine Schritte einleiten: Man vertrete nicht die persönlichen Interessen von Pädagogen – dafür sei die Gewerkschaft zuständig. Inwiefern diese durch die App überhaupt angegriffen oder verletzt werden, sei völlig offen.

NEOS sieht die App laut eigenen Aussagen „kritisch, aber nicht besonders überraschend". Die Diskussion über die App zeige, dass es offenbar ein starkes Bedürfnis nach Feedback an Schulen gebe, so NEOS-Bildungssprecherin Martina Künsberg. „Leider hat sich die Lehrer_innengewerkschaft immer gegen ein konstruktives, fundiertes Feedbacksystem an Schulen gesperrt. Das Unterrichtsministerium hat dazu meines Wissens ebenfalls keine Maßnahmen gesetzt, obwohl das Parlament einen entsprechenden NEOS-Antrag schon 2018 beschlossen hat. Diese Untätigkeit rächt sich nun.“

 

 

 

 

 

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