Mehr Chancengerechtigkeit, Schulautonomie und Digitalisierung
Die Bundesregierung plant eine umfassende Reform des Bildungssystems, um Chancengleichheit zu fördern, Schulautonomie auszubauen und die Qualität der Bildung zu steigern. Wichtige Schwerpunkte sind eine gezielte Unterstützung von Schulen mit besonderen Herausforderungen, eine Modernisierung der Lehrpläne sowie der verstärkte Einsatz von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz (KI) im Unterricht.
Mehr Chancengerechtigkeit durch gezielte Förderung
Um Bildungsgerechtigkeit zu verbessern, wird ein sozialindizierter Chancenbonus eingeführt. Schulen mit besonderen Herausforderungen erhalten zusätzliche Mittel, die sie flexibel für psychosoziales Supportpersonal, Lerncoaching, Förderunterricht oder Schulentwicklungsmaßnahmen einsetzen können. Diese Fördermittel werden durch ein kontinuierliches Monitoring begleitet, um ihre Wirksamkeit zu gewährleisten.
Mehr Schulautonomie und weniger Bürokratie
Um Schulen größere Gestaltungsspielräume zu ermöglichen, wird die Schulautonomie weiter ausgebaut. Schulleitungen erhalten erweiterte Entscheidungskompetenzen in personellen, organisatorischen und finanziellen Angelegenheiten, etwa bei der Anstellung verschiedener Berufsgruppen. Gleichzeitig soll der Bürokratieaufwand reduziert werden, indem Dokumentationspflichten verringert und die Bildungsdirektionen als Servicestellen für Schulen gestärkt werden.
Sprachförderung und Integration als zentrale Säulen
Die Sprachförderung wird grundlegend überarbeitet, um eine bessere Integration sicherzustellen. Deutschförderstunden werden verstärkt in den regulären Unterricht integriert, und die Fördermaßnahmen orientieren sich stärker an individuellen Bedürfnissen.
Weitere Maßnahmen sind:
- Die Evaluierung und Überarbeitung des MIKA-D-Tests, um die Kompetenzfeststellung in Deutsch zu verbessern.
- Eine durchgängige Sprachbildung vom Kindergarten bis zur Schule, um den Übergang besser zu gestalten.
- Die Einführung von Orientierungsklassen für Quereinsteiger:innen mit wenig Schulerfahrung und geringen Sprachkenntnissen.
- Eine verpflichtende Sommerschule mit erweitertem Sprachförderangebot für außerordentliche Schüler:innen.
Zudem wird die Deutschförderung in der Sekundarstufe II ermöglicht, um ältere Schüler:innen besser auf den Regelunterricht vorzubereiten.
Inklusion: Gemeinsames Lernen für alle
Die Reform sieht eine Weiterentwicklung der Sonderschulen sowie den Ausbau inklusiver Bildungsangebote vor. Das Konzept sieht vor, dass Kinder mit und ohne Behinderung verstärkt gemeinsam lernen. Dafür werden unter anderem:
- Ein Rechtsanspruch auf ein 11. und 12. Schuljahr für Schüler:innen mit sonderpädagogischem Förderbedarf geschaffen.
- Die Ressourcen für sonderpädagogische Förderung aufgestockt und die Förderquote von 2,7 % auf 4,5 % angehoben.
- Barrierefreie und inklusive Bildungsangebote in der Sekundarstufe II ausgebaut, um den Übergang in den Arbeitsmarkt zu erleichtern.
- Die Ausbildung von Lehrkräften im Bereich Inklusion gestärkt und ein verpflichtendes Modul zur inklusiven Pädagogik in das Lehramtsstudium integriert.
Wertevermittlung und Demokratiebildung
Um gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken, wird Demokratiebildung in der Sekundarstufe I als eigenständiges Unterrichtsfach verpflichtend eingeführt. Zudem wird der Besuch von Gedenkstätten für Schulklassen gefördert, indem die Kosten für Anreise und Vermittlung übernommen werden.
Weitere Maßnahmen:
- Die Förderung der österreichischen Lebensweise sowie von traditionellen Festen.
- Eine religionsunabhängige Schulaufsicht zur Sicherstellung der Einhaltung verfassungsmäßiger Grundsätze im Religionsunterricht.
- Die Stärkung der Islamischen Religionspädagogik an österreichischen Universitäten, um eine moderne, europäische Interpretation des Islam im Einklang mit Menschenrechten zu fördern.
Sichere Schulen: Gewaltprävention und psychosoziale Unterstützung
Gewaltprävention spielt eine zentrale Rolle in der Reform. Schulen sollen verstärkt als sichere Orte etabliert werden. Dazu gehören:
- Die Einführung von Reha-Klassen für Schüler:innen mit schweren Verhaltensauffälligkeiten oder psychischen Erkrankungen.
- Mehr Timeout-Formate zur kurzfristigen pädagogischen Intervention.
- Eine verpflichtende Verankerung von Gewaltpräventionsmaßnahmen in den Kinderschutzkonzepten der Schulen.
- Eine stärkere Einbindung von Schulsozialarbeit und Familien bei Suspendierungen.
Zusätzlich wird geprüft, ob Psychotherapeut:innen in der Schulpsychologie eingesetzt werden können, um Schüler:innen mit erhöhtem Betreuungsbedarf besser zu unterstützen.
Ganztagsschulen und schulische Innovationen
Der Ausbau von Ganztagsschulen wird weiter vorangetrieben, um wohnortnahe Angebote sicherzustellen. Eltern sollen weiterhin frei wählen können, ob ihr Kind eine ganztägige Schulform besucht.
Weitere innovative Maßnahmen:
- Die Einführung von mehr Flexibilität in der Unterrichtszeitgestaltung durch das sogenannte „Flex-System“.
- Der Ausbau internationaler Schulformen, um etwa das International Baccalaureate (IB) an öffentlichen Schulen zu erleichtern.
- Eine Weiterentwicklung der neuen Oberstufe mit stärkerer Individualisierung durch Schwerpunktsetzungen und Modulsysteme.
Leistungsförderung und Talententwicklung
Um Schüler:innen bestmöglich zu fördern, werden gezielte Maßnahmen zur Begabtenförderung entwickelt. Dazu gehören:
- Der Ausbau des Drehtürmodells, das es Schüler:innen ermöglicht, an höherstufigen Unterrichtseinheiten oder Hochschulkursen teilzunehmen.
- Die Möglichkeit für Mittelschulen in ländlichen Regionen, Klassen mit AHS-Standard anzubieten.
- Die Einführung einer obligatorischen Lehr-, Berufs- und Studienorientierung in allen Schultypen der Sekundarstufe I und II.
Digitalisierung und KI-Offensive
Die Reform setzt verstärkt auf den Einsatz digitaler Technologien. Wichtige Maßnahmen:
- Der digitale Bildungspass, der die gesamte Schullaufbahn eines Kindes dokumentiert und Eltern sowie Pädagog:innen Orientierung bietet.
- Der flächendeckende Einsatz von KI-gestützten Lernprogrammen, die individualisiertes Lernen ermöglichen.
- Der Ausbau der digitalen Grundbildung in der AHS-Oberstufe als logische Fortsetzung der bereits etablierten digitalen Bildung in der Unterstufe.
- Eine grundlegende Reform der Schulbuchaktion, bei der digitale Lernmaterialien stärker berücksichtigt werden.
Lehrkräfte: Attraktivität des Berufs steigern
Die Lehrer:innenausbildung und -fortbildung werden praxisnäher gestaltet. Dazu gehören:
- Die Einführung eines Praxissemesters für Lehramtsstudierende.
- Eine attraktivere Gestaltung des Quereinstiegs, insbesondere durch eine verbesserte Anrechnung von Vordienstzeiten aus der Privatwirtschaft.
- Der Ausbau moderner digitaler Arbeitsplätze für Lehrkräfte.
Auch die Funktion der Schulleitung wird aufgewertet. Schulleitungen sollen mehr Führungs- und Managementkompetenzen erhalten, unterstützt durch:
- Die Einrichtung eines mittleren Managements in größeren Schulen zur Entlastung der Schulleitung.
- Eine Erhöhung der Zulagen für Schulleiter:innen im Pflichtschulbereich.
- Die Einführung einer Servicestelle für Schulleitungen, um administrative Aufgaben effizienter zu bewältigen.